Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1927-11-01 · Heft 11 (November 1927) · p. 663

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 11 (November 1927)
Article
Die Juden in Palermo
Date
1927-11-01
Page
663 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2912821-2912866-2912877-2920858--05719-2920966
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Die Juden in Palermo Von Dr. Willy Cohn Unvergeßlich bleibt jedem, der im Morgengrauen sich der Insel Sizilien von Neapel aus nähert, der Eindruck des Hafens von Palermo. Conca d'oro, goldene Muschel, nennt der Volksmund diese Bucht, die vom Monte Peilegrino überragt wird. Fast das ganze Jahr hindurch strahlt der blaue Himmel des Südens und die Sonne auf dieses paradiesische Stück Erde hinab, und man kann es gut verstehen, daß der große Staufenkaiser Friedrich II. dieses Land fanatisch geliebt hat. Man legt ihm den Ausspruch in den Mund: „Der Gott der Juden würde Palästina nicht so gepriesen haben, wenn er sein Land, Sizilien, gekannt hätte." Die Geschichte des jüdischen Volkes ist mit dieser Insel aufs mannigfachste verbunden. Gute und böse Tage sah Israel dort. Zweimal können wir in die Geschichte der Juden in Palermo tiefer hineinblicken. Im Abstand von etwa drei Jahrhunderten haben jüdische Reisende Sizilien besucht und dort ihre Aufzeichnungen gemacht. Um 1170 kam Benjamin von Tudela nach der Insel. Er erzählt, daß 1500 jüdische Familien sich damals dort befanden. In dieser Zeit ging es den Juden recht gut. Der große König Roger II. bediente sich ihrer für die Weiterentwicklung seines Landes. Im Jahre 1147 hatte er gefangene jüdische Seidenweber aus Theben nach Palermo verpflanzt und sie dort in seinen Ateliers verwendet. Die Traditionen seines Großvaters nahm der Enkel Friedrich II. auf. Er siedelte afrikanische Juden in Palermo an, wo sie sich besonders mit Dattelpalmenkulturen beschäftigten. Sie wandten sich um die Mitte des 13. Jahrhunderts an diesen Herrscher und baten um eine Konzession für den Bau einer Synagoge. Zwar gibt der König ihnen nicht die Erlaubnis eine neue Synagoge zu errichten, falls sie eine alte vorfanden, durfte diese von ihnen renoviert und benützt werden. Es ist bekannt, daß die Herrschaft des Aus einer süditalienischen Handschrift (XIII. Jh.) in der Stadtbibliothek Bern In der Mitte der Normannenkönig Wilhelm II. von Sizilien, rechts der Astrolog, links der Arzt [Orientalisch-jüdischcr Typus) Staufenkaisers eine tolerante gewesen ist. Der Fremde könnte heute in Sizilien einen falschen Eindruck mitnehmen, wenn er in vielen Städten eine Via Giudecca findet Es ist dies nirgends ein Ghetto in unserem Sinne. Aber nach den Anschauungen dieser Zeit legte die Regierung Wert darauf, daß die vielfach verschiedenen Volksstämme, die in dem Lande der Mischkultur lebten, auch räumlich getrennt wohnten. Auf diese Weise wurden am besten alle Reibungen vermieden. Neben der Kultivierung von Dattelpalmen beschäftigten sich die Juden hauptsächlich mit Weberei und auch Färberei. Diese Epoche der Duldung aber neigte sich ihrem Ende zu, als mit der sizilischen Vesper 1282 das aragonische Geschlecht ans Ruder kam. Der finstere Geist der spanischen Inquisition findet auch hier Eingang. Heute sieht der Sizilier überhaupt auf jene Epoche seiner Geschichte mit Trauer herab, haben doch die spanischen Könige dieses blühende Land jahrhundertelang verkommen lassen und als Kolonie verwaltet. Aus dem Lande wurde herausgeholt, was sich herausholen ließ, aber nichts wurde für seine Blüte getan.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.