Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 11 (November 1927)
- Article
- David Royfe
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 662 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2912821-2912866-2912877-2920857--05717-2920965- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
662 MENORAH und sprachen: „Wie kannst du, Weib mit schmutzigen Kleidern, bei einer Toten weilen? Gehe hinaus und zeige dich nicht mehr!" Und sie wuschen die Tote wohl eine Stunde lang, besprengten sie mit Wein, strählten ihr die Haare mit silbernem Kamm, kleideten sie an und gaben ihr das Tuch um den Kopf. Wir trugen den Leichnam vom Hügel hinab; da blieben die Weiber zurück, denn es ist nicht erlaubt, daß sie eine Leiche auf den Friedhof begleiten. Auf dem Weg zum Grabe wurden Psalmen gebetet; ich weiß nicht, was weiter geschah, bis mir Garsche die Schaufel in die Hand drückte und die Schollen ins Grab fielen. Ich sagte: „Die Krone ist mir vom Haupte gefallen" und man führte mich — es war nach den Sternen Mitternacht — vom Friedhofe nach Hause. Die Vorsteher kamen zu mir und brachten Eier und Asche; aus den umliegenden Dörfern, die es erfahren hatten, war zahlreicher Besuch, auch der Richter vom oberen Dorfe. Als die Trauerzeit der sieben Tage vorüber war, bat ich die Vorsteher unserer Gemeinde zu mir und es wurde eine Schrift verfaßt, daß nach meinem Ableben Haus und Hof, Vieh und Feld Garsche und Perka gehören sollten. Dies wurde unterschrieben und gesiegelt. Ich fühlte mich schwach, und wenn Kranke kamen, so behandelte sie Garsche und gab ihnen Heiltränke. Meinen Kindern beschloß ich erst nach dreißig Tagen Nachricht von dem Tode der Mutter zu geben. Ich hatte sechs Goldstücke zu Hause und viel leeres Pergament. Da sandte ich einen Boten zu Eliahu, dem Schreiber, der ein gottesfürchtiger Mann ist und er kam. Und ich sagte ihm: „Verschiedenes aus meinem Leben habe ich aufgezeichnet, schreibe davon alles ab, was du glaubst und gib es Michael dem Boten, daß er das Buch meinen Kindern bringe." So sagte ich zu Eliahu, denn ich fühlte mein Ende nahe; gar manches wird Eliahu doch nicht schreiben, so von der besseren Frau und ihrem Manne, dem Wucherer, und von dem Priester, der den Aussatz hatte. „Es würde zu lang werden", sagt Eliahu. „Es sei so, empfanget, liebe Kinder, mit dieser Erzählung die Grüße und Segenswünsche eines nicht mehr Lebenden." So weit reicht der Lebenslauf des David Royfe. Das Haus am Hügel, das Dorf und seine Bewohner, die Schule, sind sie im Lauf der Zeit verschwunden? Haben sie je existiert?