Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 11 (November 1927)
- Article
- Ahnungen und Fragen
- Date
- 1927-11-01
- Page
- 639 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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MENORAH V. JAHRGANG NOVEMBER 1927 NUMMER 11 Ahnungen und Fragen (Aus dem demnächst im Phaidon-Verlag erscheinenden Buch „Sprüche und Bedenken4") Nachdruck verboten Was wir den Menschen als ihr metaphysisches Bedürfnis gutzuschreiben pflegen, ist selten etwas anderes als die Neigung, mit ihren Gedanken in unkontrollierbarem Gebiet umherzuschweifen, keine letzte Verantwortung tragen zu müssen, und sich bei all dem noch großartig vorzukommen. Der Weg vom religiösen Gefühl zum Dogma ist unendliche Male weiter als der vom Dogma zum religiösen Wahnsinn. Ob einer glaubt, das weiß er im allgemeinen selber nicht. Darüber, daß er zweifelt, ist sich jeder ohneweiters klar; er weiß nur nicht immer woran. Daß wir einen Gott ahnen, ist nur ein unzulänglicher Beweis für sein Dasein. Ein stärkerer ist, daß wir fähig sind, an ihm zu zweifeln. Diejenigen Tugenden werden am lautesten gepriesen, zu deren Ausübung weder Gedankenarbeit, noch Energieentfaltung, noch Selbstüberwindung gehört, vor allem also diese beiden: Patriotismus und Gottesfurcht. Sollte die Vermutung nicht gerechtfertigt sein, daß sie an sich überhaupt gar keine Tugenden bedeuten, sondern nur von denjenigen Instanzen dazu gestempelt wurden, die von dieser Auffassung den augenfälligsten Vorteil haben, vom Staat und von der Kirche? Es stünde besser in der Welt, wenn nicht jeder Fromme sich an Seelenadel über den Zweifler, nicht jeder Zweifler an Klug-