Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 11 (November 1927)
- Article
- Fall Schwarzbarth
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 635 (sequence 2)
- Language
- German
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UMSCHAU 635 pmz nnderes: die erste öffentliche Erörlerung der größten und scheußlichsten Judenmelzeleien, welche die Weltgeschichte kennt. Als Semjon Petljura Haupt der sogenannten Volksregierung in der Ukraine war, einer Machtform, die sich in jenem nach der russischen Revolution über den Osten Europas eingebrochenen Chaos als eines der vielen Regimes bewaffneter Banden qualifizierte, wurden von den ihm unterstehenden Bandenorganisalionen etwa 80.000 Juden ermordet, ein Vielfaches dieser Zahl wurde zu Krüppeln gemacht, Hunderttausende wurden um Hab und Gut, um Haus und Wohnsilz gebracht, flüchteten in panischem Schrecken von Ort zu Ort, von Gebiet zu Gebiet, hunderte kleiner Slädle und Städtchen, die in der Mehrzahl von Juden bewohnt waren, wurden entvölkert, verwüstet, verödet; die Städtenamen Proskurow, Felschtyn, Tullschyn und viele andere sind für die Judenhoit unauslöschlich mit dem Bilde grauenvoller Martern verbunden, bezeichnen das furchtbarste Kapitel der jüdischen Geschichte in den letzten Jahrzehnten, in denen doch gerade im Osten Europas der Pc grom und seine politische Auswertung häufig genug blutige Lettern in das Buch des jüdischen Lebens eingezeichnet hat. Die To ten ta fei der Märtyrer von Proskurow allein verzeichnet 1500 Opfer, die von Felschtyn an die 1000. Und diese Tragödien eines Volkes, sie sind im Geiste und in der Vorstellung der Judenheit alle mit dem Namen des Semjon Petljura verknüpft. Es mag vielleicht richtig sein, dal» dieser Petljura, den das Chaos von Krieg und Nachkrieg aus einer Schreiberstube an weithin sichtbaren und verantwortlichen Platz spie, selbst die Pogrome nicht organisiert hat (obwohl durch verschiedene Aussagen dargetan ist, daß während seiner Anwesenheit in Proskurow, die am Tage nach dem großen Pogrom erfolgte, noch eine Art Nachpogrom, gewissermaßen dem Herrn Oberbefehlshaber zu Ehren stattgefunden haben soll); es mag vielleicht richtig sein, daß Petljura seinen untergebenen Bandenführern gegenüber nicht die Autorität besaß, um des Pogroms Herr zu werden; sicher aber ist es, daß er den Pogrom sanktionierte, weil er darin ein Mittel zur Erhaltung seiner Macht sah. Der Pogrom hielt Petljuras bewaffnete Banden zusammen, denn er brachte ihnen Erwerb und bot der Kriegsideologie für den Kampf gegen die bolschewikischen Banden ein Ziel, indem die Propaganda der Petljura-Regierung die Juden mit den Bolschewiken identifizierte; die Juden wurden dabei getötet, die Bolschewiken eroberten die Ukraine. So ist Petljura nicht nur im Sinne des Volkssymbols, sondern auch tatsächlich für die Pogrome in den Jahren 1920 und 1921 verantwortlich und die fünf Schüsse des Uhrmachers Schalom Schwarzbarth, dessen Angehörige inRußland, während Schwarzbarth selbst, bereits in Frankreich naturalisiert, in der französischen Armee das Kriegskreuz für besondere Tapferkeil erlangle, hingeschlachtet wurden von Banden jenes Petljura) der eine Zeillang Verbündeter, wirklich und wahrhaftig Verbündeter Frankreichs war — die Schüsse des Schalom Schwarzbarth vergalten eine persönliche Unbill und üblen Vergeltung für ein System. Damals, als die blutigen Horden des Semjetschenko und der anderen Uniergebenen des Petljura in den Judenstädlen der Ukraine wiilelcn, drang unbeschreiblicher Jammer, gellendes Wehgeschrei zum Himmel, tönte über das weite Gebiet von Osteuropa; aber wie an einer undurchdringlichen Mauer brach sich dieser Weheruf dort, wo Europa, das wirkliche Europa, beginnt. Die Meldungen über die Pogrome blieben unbeachtet, die Proteste von jüdischer Seite wirkungslos und es war, als wollte niemand jenen Schrei gehört haben, der tausendfältig durch die Welt gellte. Und als das Bündnis zwischen Polen und Frankreich zur Niederringung des bolschewikischen Vormarsches auf Warschau geschlossen wurde, da wurde Alaman Semjon Petljura in dieses Bündnis einbezogen, wurde ein Exponent jener politischen Konzeption, die damals gegen das Vordringen des Bolschewismus entworfen wurde. Erst heute, nach acht Jahren, werden durch die fünf Revolverschüsse auf dem Pariser Boulevard St. Michel geweckt, die furchtbarsten Greuel, mit denen die Geschichte Europas überhaupt befleckt wurde, einer öffentlichen Erörlerung unterzogen. So lange hat es gedauert, bis Europa die Wahrheit über die Pogrome hörte — erfahren konnte und hatte es sie schon vor sieben Jahren, aber es hörte nicht, es wollte nicht hören, weil es der politischen Konstellation nicht paßte, zu hören. Erst die Schüsse, die der Uhrmacher Schalom Schwarzbarth abgalt, haben Europa gezwungen, zu hören. Schwarzbarth hat einen Mord begangen. Jeder Mord ist zu verurteilen. Selbst wenn der Ermordete schuldig ist. Und Petljura trug ein vollgerüttelt Maß von Schuld, von Blutschuld. Aber Schwarzbarths Tat erscheint begreiflich, weil er sehen mußte, daß kein Gericht sich dazu aufraffte, für die ungeheuerlichste Blutschuld, die in diesem an Blut und Tränen so reichen Zeitaller aufgehäuft wurde. Sühne zu verlangen. Ein Zeuge im Prozeß vor den Pariser Geschworenen, Profes-