Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1927)
- Article
- Auf dem Hügel
- Date
- 1927-10-01
- Page
- Seite 592 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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592 MENORAH Stock und Laterne und hinter ihm der vermummte Schammes, die Chupeh auf den Schultern tragend. Man begann einander zuzuflüstern, das Brautpaar habe Hunger, faste den ganzen Tag hindurch und es sei höchste Zeit zur Ghipeh zu gehen. „Mechiten, wo steckt denn der Mechiten? ..." Schmiel-Jossje tat, als ginge ihn die ganze Sache nichts an. Er hatte keine Eile. Jedesmal schlich er sich am Vorzimmer vorbei, wo der Bräutigam mit den frischrasierten bläulich-schimmernden Backen obenan an dem langen Tisch saß in dem breiten, roten Streimel. Sein Auge zwinkerte in gleichem Tempo mit dem seines Vaters, des geriebenen, duckmäusigen Bettlers, der immerfort Lebkuchen in Schnaps tunkte und gemächlich mit den zahnlosen Kinnbacken kaute. Es gab wenig fremde Gäste, bloß einige arme Leute aus dem Städtchen drunten. Die Nachbarn, Jechiel, der Tischler und seine Söhne, saßen aufgeregt, zornerfüllt da, trotzdem sie sich mit Schmiel- Jossje bereits ausgesöhnt hatten. Schmiel-Jossjes Söhne und Eidame, breitschultrige Männer in abgetragenen Streimeln und verschossenen, in den Achselhöhlen aufgeplatzten Kaftanen, bildeten die heimischen Gäste und zierten das Fest. Die Enkelkinder, erwachsene und kleine Jungen mit feuchten Nasen, in Sabbath-Kasketten mit goldenen Bändchen auf den zerbrochenen Schirmen, schütteten unter dem Tisch die gestohlenen Erbsen heimlich in die Taschen und stießen einander mit den Stiefeln. Die Leute plauderten gemütlich, rauchten Zigaretten und der Bräutigam erzählte, er habe mit leiblichen Augen ein Stück Wolke, das vom Himmel gefallen war, gesehen; während eines Spazierganges an einem Sabbath-Nachmittag habe er es in Koslew auf der Weide gefunden; es sei gefroren gewesen, weich wie Sülze und er habe es mit dem Taschenmesser in kleine Teile geschnitten. .. X. „Zur Chipeh, zur Chipeh . .. Man geht zur Ghipeh .. „Hur—ra, der Bräutigam kommt.. Feierlich schmettert die Flöte ihre Koloraturen unter dem niederen, sternbesäten, frostigen Himmel; und Stephan Bulbas Geige ächzt und spielt die schöne, schwermütige Weise, die das Herz schwer macht. Die mit der Hand vor dem Wind beschirmten Kerzenflämmlein zittern und flackern traumhaft, wie die Jahre der Jugend, und die Weiber, die sie in den Händen tragen, drängen sich nach vorne, eilen mit verweinten Augen vom „Badekens1)*', wo ihre Tränen auf Breindels *) Rituelle Verschleierung der Braut.