Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 9 (September 1927)
- Article
- Die Kremsierer Judengasse
- Date
- 1927-09-01
- Page
- 553 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE KREMSIERER JUDENGASSE Eine mittelgroße, an der March gelegene Stadt, bildet Kremsier den Mittelpunkt der fruchtbaren Hannaebene, der sogenannten Kornkammer Mährens. Da die Stadt vor dem Umsturz eine für ihre Größe bedeutende Anzahl von Schulen besaß, nannte sie sich in etwas selbstgefälliger Weise das mährische Athen. Die Kremsierer Judengemeinde bildete einst eine der vier Hauplgemeinden Mährens und ihre Geschichte läßt sich auf 600 Jahre zurückvcrfolgen*). In einer Urkunde vom 9. August 1322 gestattet König Johann von Böhmen dem Bischof Konrad von Olmülz, in den vier Städten Zwitlau, Miiglilz, Kre ms i e r und Wischau je einen Juden halten und schützen zu dürfen, der nur dem Bischof und keiner anderen Obrigkeit unterworfen sein soll. Daraus geht hervor, daß schon vor dieser Zeit Juden in Kremsier seßhaft waren, aber eine andere Obrigkeit als den Bischof halten. Ihre erste Ansiedlung befand sich in der Vorstadt Oskol, aus der sie wegen Streitigkeiten mit ihren christlichen Nachbarn — wahrscheinlich schon vor dem Jahre 1546 — in die Wasser- oder Marchgasse übersiedeln mußten. Die erste Synagoge dürfte am Anfang des 15. Jahrhunderls errichtet worden sein (Frankl-Grün berichtet, es fände sich neeb ein Tempelvorhang aus dem Jahre 1425 vor), der älteste Friedhof befand sich in der Vorstadt Oskol. Das Rabbinat, die Synagoge und andere religiöse Inslitutioncn, die schon zu Beginn des 15. Jahrhunderts bestanden, lassen darauf schließen, daß die Kremsierer Judengemeinde auf eine längere Vergangenheit zurückblickte. Im Schallen der Kirche scheint sie ziemlich unbehelligt gewesen zu *) Es gibt kaum eine mährische Judengemeinde, über deren Geschichte wir so vortrefflich unterrichtet wären wie über die Kremsiers, u. zw. dank dem ausgezeichneten Werke des Kremsierer Rabbiners Dr. Ad. Frankl-Grün, „Geschichte der Juden in Kremsier", 3 Bde., dem wir auch unsere Angaben entnehmen. Es wäre zu wünschen, daß man auf der Bahn Frankl- Gruns fortfahre (einige Ansätze sind ja vorhanden, z. B. die Arbeiten Dr. Fleschs und Dr. Freimanns), damit wir doch endlich einmal in die Geschichte unserer Voreltern besseren Einblick gewinnen. /] Judengasse in Kremsier mit dem Gemeindehaus sein. Gewiß wurde sie sowie andere Städte (zum Beispiel Proßnitz) die Zufluchlslätie der im Jahre 1454 durch Capistranus aus Olmütz vertriebenen Juden. Die geistlichen Schulzherren, unter denen sich der Bischof Karl von Liechtenstein durch seine Gunstbezeigungen gegenüber den Juden besonders hervortat, nahmen sich — wenn auch nicht umsonst — ihrer jüdischen Untertanen warm an und sicherten ihnen durch Privilegien und Freibriefe Leben und Eigentum. Die größte Katastrophe, die die Kremsierer Judengasse je erlebt halle, brach über sie gegen Ende des 30jährigen Krieges herein. Im Jahre 1642 wurde Mähren von dem schwedischen Heere überschwemmt und Torsleiison kam mit 16.000 Mann vor die Tore Kremsiers und nahm die Stadt im