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Menorah · 1927-09-01 · Heft 9 (September 1927) · p. Seite 538

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 9 (September 1927)
Article
Die jüdische Kolonisation und die Wirtschaftslage der Juden in Rußland
Date
1927-09-01
Page
Seite 538 (sequence 2)
Language
German
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538 MENORAH Die Regierung Nikolaus' I. war fest entschlossen, das jüdische Leben in sozialökonomischer und auch in kultureller Hinsicht vom Grunde aus umzugestalten. Diese Regierung war durch und durch despotisch, daher strebte sie auch zu diesem Ziele mit Gewaltmitteln. Die größte Bedeutung für die erstrebte Assimilation der Juden legte sie auf die massenhafte Anwerbung von Juden als Rekruten. Die jüdischen Gemeinden waren verpflichtet, ungeheure Rekrutenkontingente, die damals 25 Jahre im Militärdienste verbleiben mußten, zu stellen. Da die Gemeinden soviel erwachsene Rekruten nicht zu stellen vermochten, entrissen die Behörden jüdische Kinder ihren Müttern und ließen sie in Kasernen zu Soldaten erziehen (Kantonisten). Aus dem Schrecken der Rekrutenaushebung, unter dem die russischen Juden damals stöhnten, blieb ihnen ein Ausweg übrig; es war ihnen erlaubt, sich in den Bauernstand einzuschreiben, aufs Land zu übersiedeln und dann waren sie für 25, ja sogar für 50 Jahre von der Militärpflicht befreit. Die Übersiedler erhielten allerlei Erleichterungen, auch Darlehen aus einem speziell dazu geschaffenen Fonds, der von der Regierung aus der jüdischen Fleischabgabe dotiert wurde. Die Juden, die einmal als Bauern eingetragen w7urden, unterlagen einer strengen Kontrolle in ihrer landwirtschaftlichen Tätigkeit und vermochten aus ihrem neuen Stande nicht mehr auszuscheiden. Der Versuch, aus den Juden einen Bauernstand heranzubilden, stieß auf viel größere Schwierigkeiten, als die Regierung ahnte. Trotz aller Vorrechte sind nur wenige Juden aufs Land übersiedelt, viele haben spater ihre Landanteile verlassen und die Erfolge der Siedler in ihrem neuen Berufe waren zunächst sehr bescheiden. Die russische Regierung war durch die Ergebnisse der Kolonisation enttäuscht und uiiler Alexander II. wurde dieser Versuch aufgegeben. Und doch war dieser Versuch nicht völlig erfolglos. Obgleich die jüdischen Ackerbauer unter Alexander II. alle ihre Vorrechte einbüßten und dafür das Recht erhielten, ihren Stand zu verlassen, sind fast alle jüdischen landwirtschaftlichen Siedlungen bestehen geblieben. Unter geeigneten Bedingungen hat sich allmählich im Laufe von Generationen ein Typus von jüdischen Bauern herausgebildet. Dieser Fortschritt hat stattgefunden trotz des Verbotes vom Jahre 1882, Land zu kaufen und zu pachten, das für die weitere Entwicklung der jüdischen Landwirtschaft selbstverständlich verhängnisvoll war. Auch die Tätigkeit, die die Jewish Colonisation Association (Ica) in den Kolonien vor dem Kriege entfaltete, hat zu ihrem landwirtschaftlichen Fortschritt viel beigetragen.

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