Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 9 (September 1927)
- Article
- Auf dem Hügel
- Date
- 1927-09-01
- Page
- Seite 532 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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532 MENORAH Dann kam Jankel, der Belfer, herein, mit seinen wirren Pejes, reinigte sich die Stiefel vom Schnee und fragte: „Ist der Schammes nicht da? ,. und eilte fort. „Schmiel-Jossje, wo steckst du denn, Schmiel-Jossje, gib mir ein Sechserl*) für Zucker", rief die Frau und stöhnte auf. Aber Schmiel-Jossje stellte sich, als ginge ihn die Sache nichts an. Er lag auf der Ofenpritsche und schlief. Er wollte nicht in den Beutel greifen; und man mußte eine gute Lunge haben, um bei ihm ein Sechserl für Rosinen, Öl und Ingwer herauszubekommen. „Kein Geld da. . . habe kein Geld. .. habe heute noch keine Kirche ausgeraubt. .. Geld . .. nur Geld ... Räuberbande .. Mit weinerlicher, wütender Stimme schrie er von der Pritsche herunter und kehrte seinen harten Rücken der Stube zu. Die Hochzeiten aller seiner Kinder hatte Schmiel-Jossje, der Dorfhausierer, aus den Hochzeitsgeschenken bestritten und er sollte die paar Gulden bloß bis nach der Hochzeit vorstrecken. Aber er weigerte sich immer, denn er wußte: vorgestreckt ist halb verloren... Schon in aller Frühe ist er auf die Ofenpritsche gekrochen und es tat dem alten Manne wohl, so in der Wärme dazuliegen und die alten Glieder ausruhen zu lassen von all diesen Jahren der Plage, von den Säcken mit Fetzen, Hanf, Äpfeln und Knochen. Er lag bäuchlings, ein Auge geschlossen, zornerfüllt. Schmiel- Jossje hatte die Gewohnheit, bei allen Hochzeiten seiner Kinder gerade vor der Trauung einen Streit mit den Mechitunim zu beginnen und er pflegte dann zum Ruw zu laufen, um ihn dort auszutragen. Aber heute, am Hochzeitstage Breindels, seiner jüngsten Tochter, fühlte er, daß er schon böse war, ehe noch die Mechitunim eintrafen. Er hatte keine Kraft mehr, es zu erwarten. Das Warten machte ihn krank. Er spürte, daß es ihn hier nicht mehr halten wird... Das Ende naht heran... die alten Knochen tun weh... in den Gliedern reißt es .. . das Kreuz schmerzt... Wenn man wenigstens auf seinem eigenen Bett, in seinen eigenen Tachrichim**) sterben könnte.. . und auch die Frau . . . Schmiel-Jossje wartete auf den Mechiten, der zur Hochzeit kommen sollte. Er hatte das Bedürfnis, jenem fremden Mann sein Leid zu klagen, sich mit ihm auseinanderzusetzen und zu streiten: Was soll das heißen? Eine halbe Stube. . . den Ofen einstürzen, ein „deutscher" Bäcker, Küchel, Eierkringel. . . Sind sie von Sinnen oder verrückt? .. . Gehen wir zum Ruw .. . Ich brauche den deutschen Backherd nicht mit den rohen Kücheln und den sauren Eierkringeln... So ein junger *) Zehnkreuzersttick (alte üsterr. Währung). ••) Sterbekleider.