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Menorah · 1927-09-01 · Heft 9 (September 1927) · p. Seite 516

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 9 (September 1927)
Article
Jossel, der Schammes
Date
1927-09-01
Page
Seite 516 (sequence 6)
Language
German
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516 MENORAH Neugeborene darin zu baden, so ging Jossei zur Wöchnerin, trat über ihre Schwelle und sprach: „Wöchnerin, Wöchnerin, hab' nicht Angst noch Not, Du gewinnst ein Söhnchen mit Wänglein rot.. ." Verwundert fragte die Wöchnerin: „Wer hat Euch zu wissen getan, meine Zeit sei da?" Die „Hebamme" antwortete: „Jossei, der Schammes, war bei mir und hat mich geheißen, zu Euch zu kommen, denn Eure Zeit sei da." Da erkannte die Wöchnerin, daß es nicht Lilith, die Hexe, sei, die ihr Haus betreten hatte, und war vom Herzen froh. Bald aber begann sie zu schreien und zu jammern: „Hebamme, Hebamme, helft geschwind, Sonst verliere ich mein Kindl" Acht Tage verweilte Jossei in Gestalt einer Frau bei der Wöchnerin. Sie hatte einen kräftigen Knaben geboren, war sehr schwach und bedurfte vieler Pflege. Jossei kochte für sie gewählte Speise, richtete ihr Lager, badete das Kind und wickelte es. So kam der achte Tag, an dem nach Vorschrift das Kind zu beschneiden war. Da ging Jossei heim, zog die Frauenkleider aus und legte wieder Männerkleidung an, nahm Beschneidungsmesser und Beschneidungsbuch und kehrte zur Wöchnerin zurück; er trat über ihre Schwelle und sprach: „Wöchnerin, Wöchnerin, hab' nicht Angst noch Pein, Dein Kind, es wird ein Jude sein." Die Wöchnerin fragte: „Woher wisset Ihr, daß hier ein Kind zu beschneiden ist? War doch niemand bei mir, der es Euch zu wissen täte?" Jossei erwiderte: „Die Hebamme war bei mir, sie hat an meinen Fensterladen geklopft und mir zu wissen getan, es sei ein Kind hier zu beschneiden." Da erkannte die Wöchnerin, daß es nicht Luzifer sei, der das Haus betreten, um ihr Kind zu rauben, und war von Herzen froh; sie legte ihr Kind in Josseis Arm, daß er zum Juden mache nach jüdischen Rechtens Brauch. So war Jossei, der Schammes, Hebamme und Mohel zu gleicher Zeit. (Aus dem Jiddischen übertragen von Siegfried Schmitz.)

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