Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 9 (September 1927)
- Article
- Jossel, der Schammes
- Date
- 1927-09-01
- Page
- 511 (sequence 1)
- Language
- German
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JOSSEL, DER SCHAMMES Von Schalom Asch In der alten heiligen Stadt Worms lebte vor vielen, vielen Jahren ein Jude. Er wurde Jossei, der Schammes, genannt. Sein richtiger Name war Josef Hazzadik, der fromme Josef. Er war Diener in der altehrwürdigen Synagoge zu Worms, von der die Überlieferung sagt, daß sie zur Zeit, da das Heiligtum in Jerusalem noch stand, erbaut ward. Den Kosenamen Jossei hatten dem alten Synagogendiener die Kinder von Worms gegeben, weil er ihnen so zugetan war. Jeden Morgen ging Jossei von Haus zu Haus, nahm die Kinder mit und führte sie mit Psalmensang in den Gheder, jeden Abend holte er sie aus dem Cheder und brachte sie ihren Müttern heim, wieder beim Klang der Psalmlieder. Am Eingang der Synagoge zu Worms stehen zwei große Sammelbüchsen, von zwei mächtigen Marmorsäulen getragen. Die Chronik erzählt, diese zwei Sammelbüchsen habe die Judenheit von Erez Israel zur Zeit, da noch der Tempel zu Jerusalem stand, der Wormser Synagoge zum Geschenk gesandt, auf daß darin Spenden für die Erhaltung des Heiligtums gesammelt würden. Zwischen diesen beiden Säulen mit den Sammelbüchsen versammelte Jossei, der Schammes, in der Zeit zwischen Mincha- und Maariwgebet die Kinder von Worms und erzählte ihnen Geschichten. Er erzählte von den Wundern, die in der alten Judengemeinde von Worms in grauen Jahren ihres Bestandes geschahen, wie in jeder Generation sich Bösewichter erhoben, um sie zu vernichten — aber Gott bewies jedesmal ein Wunder, durch das die heilige hehre Gemeinde von Worms vom Untergang gerettet ward. Er erzählte den Kindern die Geschichte von den zwei Gänsen, die die Gänsehirten mit sich nahmen, als sie nach Jerusalem zogen, um das Grab ihres Heilands zu befreien; die Gänsehirten brachten damals bitteres Weh über alle Judengemeinden, durch die ihr Weg sie führte. Mit Hilfe der zwei Gänse wurde ihnen überall das Versteck kund, darin die Juden sich vor ihren Mörderhänden verbargen. Denn die beiden Gänse waren von einem Zauberer beschworen: wenn die Gänsehirten in eine Stadt kamen, ließen sie die zwei Gänse frei; unter dem Dach, auf das sich die Gänse setzten, waren — das wußten sie aus des Zauberers Unterweisung — Juden verborgen. In Mainz aber ließen sich die Gänse auf dem Dache des Domes nieder; denn der Erzbischof von Mainz hatte für eine große Summe Geldes den Juden ein Versteck in den unterirdischen Gängen des Domes gewährt.