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Menorah · 1927-08-01 · Heft 8 (August 1927) · p. Seite 498

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 8 (August 1927)
Article
Unsere Mutter
Date
1927-08-01
Page
Seite 498 (sequence 1)
Language
German
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498 MENORAH Unsere Mutter Voll A. K. (17. Fortsetzung.) Mein lieber Moritz! Brief und Beilage erhalten — Du bleibst Dir immer gleich. Hast immer Zeit und meldest gleich, wenn Du nur etwas Gutes zu melden hast. Wir haben zwar die gleiche Photographie vom 1. Hugo aus Südamerika erhalten, aber lieb ist es von Dir, sie sofort zu schicken. Da Du über das neue Unternehmen nichts schreibst, weiß ich, daß es nicht gut ist. Mir geht es soso und wird noch eine Weile so gehen — wie sollte es anders sein bei einer fast siebzigjährigen Frau? Und erst bei einer, die nicht die Gabe hat, sich das Leben angenehm zu machen. Die großen Kinder habe ich so ziemlich alle jetzt gesehen, nun freue ich mich auf die kleinen. Mit besten Grüßen an Euch und die lieben Kinder Deine treue Mutter Klara. Mein lieber Moritz! Dein 1. Schreiben aus T. hat mich um so mehr erfreut, als ich auf keines hoffte. Auch mir tut es sehr leid, daß ich Dich nicht mehr sprechen konnte. Mein gutes Kind! Du schreibst, Du kommst nie zu einem Genuß, nicht einmal zu dem, paar Stunden mit mir beisammen zu sein. Ich habe soviel unverdientes Glück, auch bei meinen Freunden und Bekannten, nicht nur bei meinen Kindern, daß ich fast schon selber glaube, es ist Dir ein Genuß, mit mir ein paar Stunden beisammen zu sein. Bei dieser Gelegenheit kann ich es nicht unterlassen, Dir zu sagen, wie sehr es mich schmerzt, daß Du so Dein Leben verbringst. Deine 1. Frau wohl auch, aber sie hat wenigstens alle ihre Verwandten in Wien, mit denen sie in Verkehr steht. Du aber bist doch tagsüber so sehr beschäftigt und hast nicht die geringste Zerstreuung. Niemand kann mehr mit Dir fühlen, Dir nachempfinden, als ich, wie Dir zumute ist, Dein Kind krank zu wissen. Und doch bin ich der festen Überzeugung, daß Ihr es Euch besser einrichten könntet, wenn Ihr anstatt des sehr braven Kinderfräuleins eine intelligente Person bei dem Kinde hättet; da wäre es für Euch ein Leichtes, für paar Stunden aus dem Haus zu gehen. Und auch das Kind wäre besser dran, ruhiger. Das Fräulein versteht es absolut nicht, mit dem Kinde umzugehen, es zu zerstreuen: sie ist nur zum Nähen gut, die große Last bleibt Euch. Ich war zwei Stunden dort und habe mich überzeugt, daß sie weder die Gabe, noch die Geduld hat, das Kind zu beschäftigen. Und gerade jetzt hatte ich in B. Gelegenheit, zu sehen, was eine versierte, intelligente Person bei einem Kinde von dreieinhalb Jahren leistete. So oft das Kind müde wurde oder sich zu langweilen begann, war sie sofort mit einem neuen Spiel, einer neuen Geschichte zur Hand. Ich fürchte nur, ich rede umsonst. Wie gesagt, es ist mir schrecklich, zu wissen, wie Du Deine schönsten Jahre verbringst. Ich wollte deshalb mit Anna sprechen, aber ich habe zu meiner Ruhe kein Vertrauen gehabt, denn ich bin nicht nur nervös, ich bin meschugge. Es ist nur ein Unterschied zwischen mir und anderen Meschuggenen: ich weiß es und hüte mich entsprechend, während die andern meinen, nicht sie, sondern die ganze Welt sei meschugge. Daher komme ich wieder zu Dir, lieber Moritz, Du sollst diesmal Dir selber helfen. Ich bleibe jetzt einige Wochen in B., um ungestört arbeiten zu können: ich habe Fakturen einzutragen und sonst allerlei nachzuholen, dann erst will ich zur lieben Laura, die mich schon so sehr um meinen Besuch bittet. Du fragst, ob ich mich mit der Nachricht des 1. Hugo, seine Rückkehr aus Südamerika betreffend, gefreut habe? Mein Gott, und wie! Ich hatte ja schon alle Hoffnung aufgegeben, ihn wiederzusehen! Glaube mir, lieber Moritz, ich bin nicht undankbar, aber mich hält nur das Bewußtsein aufrecht, daß meine Kinder gl. Glück haben. Ich habe nie mir gelebt und jetzt erst recht nur das Interesse meiner Kinder im Auge; Euer Glück ist das meine. Nun bitte ich Dich, 1. Moritzel, sei nicht böse, daß ich soviel geschrieben habe. Ich war schon müde im Geschäft, und jetzt habe ich mich erholt, indem ich mit Dir, wenn auch nur schriftlich, gesprochen habe. Ich bin mir oft selbst ein Rätsel; ich brauche ganz andere Kost als andere alte Frauen.

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