Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 8 (August 1927)
- Article
- Davids Flucht
- Date
- 1927-08-01
- Page
- 478 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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DAVIDS FLUCHT Ein Kapitel aus dem Buch „Die Gewaltigen", Novellen aus drei Jahrtausenden von \V alter E i d 1 i t z*) David hatte den Entschluß gefaßt, sich im Schutz der Regennachl durch die rebellische Stadt durchzuschlagen, um das Gebirge jenseits des Jordans zu gewinnen. Nichts in seinem Mienenspiel verriet, wie schwer es ihm wurde, den Sitz der Herrschaft, die königliche Burg, aufzugeben. Als er, mit der Fackel voranleuchtend, die Stiegen hinabschritt, kam ihm aus dem Seirengang, den er viele Monate nicht betreten halte, Rathseba entgegen. Er sah, daß sie gesegneten Leibes war. Befangen blickte er sie an. Ihr Gesicht war schmäler geworden, die Stirn kantiger, matter die Haare. Dunkel lagen sie über den Schläfen, schmal und blaß war der Mund. Streng war die Landschaft ihres Gesichts geworden, aber beinahe heitere Ruhe schien sie zu erfüllen. Auch sie verglich das Bild des Königs, das sie sich allstündlich vergegenwärtigt hatte, mit dem gefurchten Löwenhaupt des Mannes, der um vieles älter geworden, nun vor ihr stand. Kerbzeichen waren in sein Gesicht eingerissen, die sie nicht kannte. Sie glaubte, darin lesen zu können, was er in der Zwischenzeit gelitten hatte. David sagte, sie solle getrost sein, es bestehe für sie keine Gefahr, er habe für ihre Sicherheit gesorgt, niemand werde sie in dem unbewohnten Haus des Urias vermuten. Sie schüttelte den Kopf und sagte, daß sie nicht in ihr Haus zurückgehe. Sie wolle bei ihm bleiben. Im Ton ihrer Antwort lag etwas, das jeden Zweifel ausschloß. Der König drängte sie fast barsch, sie solle nicht zögern, sich zu retten. Überall sei sie sicherer, als an seiner Seite. Mit leiser werdender Stimme fügte er hinzu, er kenne Absalon, dieser werde die Hunde nach ihm hetzen — und nach allem, was ihm lieb sei. Demütig wiederholte sie, sie müsse bei ihm bleiben, sie müßten gemeinsam Gottes Zorn ertragen. Da gab er nach. Er befahl, daß man noch ein Maultier sattle. Nebeneinander schritten sie die Stiegen hinab. Scheu blickte er die Frau manchmal von der Seite an. Ihre Zuversicht ging auf ihn über. Sie traten in den nächtlichen Hof, dessen Pflaster schlammig überschwemmt war. David sah nach, ob genügend Wein, Brot, Oliven auf- *) Paul Zsolnay Verlag.