Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1927)
- Article
- Einiges über das Fachschulwesen in Kleinpolen (Galizien)
- Date
- 1927-06-01
- Page
- 431 (sequence 1)
- Language
- German
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Einiges über das Fachschulwesen in Kleinpolen (Galizien) Von Dr. Adolf S ilb ers chein, Sejmdeputierter Das heute fast schon imposante Netz von jüdischen Fachschulen und Lehrwerkstätten in Galizien — ist ein Kriegskind. Nicht langsam studierte Lehrpläne und wohlbedachte Stiftungen sind an seiner Wiege gestanden, tiefstes Leid und die Not der Kriegsjahre, verzweifeltes Ringen um Aufrech lerlialtung heiligster Güter, Selbsthilfe im treuesten Sinne des Wortes sind Grundsteine und Pfeiler dieses Baues, zu dem sämtliche Kreise der Judenschaft Galiziens ihren Teil beigesteuert haben. Die zentrale Organisation für das jüdische Fachschulwesen in Kleinpolen nennt sich: „Verband zur Förderung von Fachbildung unter den Juden in Kleinpolen" mit dem Sitze in Lemberg. Sein Ziel ist, bei den Juden Galiziens das Verständnis für das dringende Bedürfnis einer Produktivierung der jüdischen Masse wachzurufen und diese insbesondere durch die Erziehung der jüdischen Jugend zu rlandwerkern und Landwirten zu verwirklichen. Reale Schöpfungen sind seine Hauptpropagandamittel, kein Wunder also, daß das Interesse für den propagierten Selbsthilfegedanken schon in kurzer Zeit in bahnbrechender Wirkung sich äußerte. 19 größere und kleinere Anstalten mit einer Gesamtzahl von 1702 Schülern wurden geschaffen. Wenn man bedenkt, daß diese Anstalten, von welchen viele in eigenen Gebäuden sich befinden, in der verhältnismäßig kurzen Zeit von zwölf Jahren ausgebaut worden sind, und auf dem Gebiete Galiziens, welches den Schauplatz des Welt- und eines Bürgerkrieges gebildet hat, entstanden sind, muß man gestehen, daß die galizische Judenschaft das höchste an moralischer und finanzieller Anstrengung geleistet hat. Heute umfaßt dieser Verband: 6 Mädchenfachschulen (meistens Nadelfächer) in Lemberg, Krakau, PrzemySl, Sambor, Stanislau, Zöfkiew, 2 Handwerkerschulen für Knaben in Lemberg und in Sfryj (Metall- und Holzbearbeitung), 8 verschiedene Lehrwerkstätten (Schlosserei, Wagnerei, Weberei, Nadelfächer) in Stanislau, Gliniany, Ustrzyki, Kuty, Ztoczow, Kalusz, Boryslaw, Sniatyn, 2 landwirtschaftliche Farmen (in Sygniöwka bei Lemberg und eine Mädchenfarm in Stanislau) und 3 Palronate (Fortbildungsschulen). Die laufenden Ausgaben dieser Anstalten betrugen im Jahre 1926 die Summe von 461.076*48 Zloly, An der Deckung dieses Budgets*) sind in erster Reihe die lokalen Organisationen mit 45% beteiligt. Der Rest des Budgets wird aus den Schulgeldern, dem Reinertrag der Schulwerkstätlen, und nur ein geringer Teil von Subventionen gedeckt, wobei zu berücksichtigen ist, daß während der ersten sieben Jahre die Arbeit ohne jede Außenhilfe geleistet worden ist. Diese Ziffern sprechen für die immense Anstrengung und den harten Kampf um die Erhaltung dieser Anstallen, welche die galizische Judenschaft als wichtigstes Instrument der angestrebten ökonomischen Umschichtung und Produktivisierung der breitesten Volkskreise betrachtet. Wo immer nur unsere Absolventen — zirka 1000 an der Zahl — tätig sind, hier im Lande, in Amerika oder in Palästina, ohne Unterschied, welche Stellung sie in ihrem Berufe einnehmen — ob sie in einer eigenen oder fremden Werkstälte arbeiten — als Inslruklorin in einer Fachschule oder als Wirtschafterin in einer Kwuzah: sie bezeugen alle, daß sie durch Kultur, Arbeit und Selbsterzieh ung zu bewußten Menschen geworden, denen Arbeit und Leben identisch sind. Kein Wunder, daß unsere Lehranstalten alljährlich von jugendlichen Scharen angestürmt werden, welche nicht selten auf die Auf- *) Das restliche Budget wurde folgendermaßen im Jahre 1926 gedeckt: Subvention der J. CA. 180,'0, Schulgelder 10*5%, Reinerträge der Schulwerkstätten l4*4°/o, Subvention der jüdischen Kultusgemeinden 7%, Subvention der kommunalen Behörden 3° 0, Subvention der Regierung 1-5%.