Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1927)
- Article
- Das jüdische Schulwesen
- Date
- 1927-06-01
- Page
- Seite 426 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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426 MENORAH schulen, verschieden. Die meisten Schulen haben polnische Unterrichtssprache, nur unterscheiden sie sich durch ihr Verhältnis zur Religion, Nationalität und hebräischen Sprache voneinander. Fast in keiner Mädchenschule in Warschau wird hebräisch unterrichtet, wogegen in allen Knabenschulen dieser Gegenstand etwa sechs bis zehn Stunden der Woche im Stundenplan einnimmt. Die einen Schulen sind jüdisch-national, die anderen assimilatorisch und wieder manche sind links gerichtet. Es gibt auch viele Judenschulen, in denen der Direktor und die Majorität des Lehrpersonals christlich oder getauft sind. Etwa 31 Schulen, die im jüdischnationalen Geiste geführt werden, sieben unter der Patronanz eines Millelschulvereines mit dem Sitz in Lodz, dem Senator Dr. Markus Braude vorsteht. Alle Mittelschulen mit polnischer Unterrichtssprache besitzen das sogenannte ÖfTentlichkeilsrechl, mit dem Recht, eine eigene Maturitätsprüfung abhalten zu dürfen. Schlechter als diese sind die Mittelschulen mit hebräischer (etwa 15 meistens im Osten des Staates) und jene mit j üd i s c h e r Unterrichtssprache (6) gestellt, die bis nun vom Staate wohl konzessioniert, doch den anderen nicht gleichgestellt sind. Es ist aber zu erwarten, daß die jetzige Regierung eine wohlwollendere Stellung diesen Schulen gegenüber einnehmen und ihnen auch das ÖfTentlichkeitsrecht erteilen wird." „Sind das, Herr Professor, lauter allgemein bildende Mittelschulen oder gibt es darunter auch Fachschulen?" „Damit berühren Sie eine wichtige (meiner Meinung nach die wichtigste) Schulfrage. Wir "haben keine technischen Mittelschulen und nur allzuwenig Gewerbeschulen. Die jüdische Jugend überströmt ohne Auswahl die Mittelschulen, welche bei uns klassisch oder halbklassisch (humanistisch mit Latein ohne Griechisch) sind. Nun sind aber derartige Mittelschulen nicht für jedermann. Ihr eigentliches Ziel ist bekanntlich die Vorbereitung für das Hochschulstudium; dieses aber verliert zusehends seinen praktischen Erwerbswert, hunderte und aber hunderte Ärzte, Rechtsanwälte, Ingenieure usw. sind beschäftigungs- und brotlos. Das Mittel- und Hochschulstudium ist ferner schon infolge seiner anzulangen Dauer zu kostspielig für die ärmeren Klassen. Kurz, wir brauchen unbedingt praktische Schulen, technische Mittelschulen und Gewerbeschulen, sonst verfällt das heranwachsende Geschlecht der gefährlichen Kulturkrankheit, dem ,morbus semiintelligentiae', dem Proletarierelend des verbummelten Halb- und Vieiielinlelligenzlcrs. Aber, das Problem ist leicht zu fassen und sehr schwer zu lösen, denn es hängt aufs engste mit der wirtschaftlichen Entwicklung unseres Landes zusammen. Ohne hoch entwickelte und stark verbreitete Industrie sind technische Mittelschulen kaum möglich. Die Anfänge des Gewerbeschulwesens verdanken wir den bekannten Organisationen ,Jca' und ,Orl\ Es sind das aber nur Anfänge ebenso in bezug auf ihre Zahl wie ihre Einrichtung." „Die Zukunft des jüdischen Schulwesens in Polen hängt stark vom Bildungsstand und moralischen Wert seiner Lehrer ab. Gibt es, Herr Professor, entsprechende Bildungsa n s t a 1 t e n für jüdische Lehrer?" „Es gibt bei uns im ganzen Lande sieben Lehrer- und Lehrerinnenseminare, darunter ein S t a a l s s e m i n a r für j üd i s c h e Religionslehrer. Alle übrigen Seminare sind privat und werden aus privaten Mitteln und teilweise von der ,Tarbut'-Organisation, teilweise von der .Centralen jiddischen Schulorganisation' erhalten. Eine eigenartige Stellung nimmt das R a bb i n c r s e m i n a r ,T a c h k e m o n i' in Warschau ein, welches teilweise vom Staate, teilweise von der Organisation ,Misrachi' erhallen wird. Sein Ziel ist die Heranbildung modern gebildeter, orthodoxer Rabbiner. Ich glaube, daß es hoch an der Zeit ist, Ihren Bericht zu schließen. Als alter Lehrmeister kann ich Sie versichern, daß es vorteilhafter ist, zu wenig als zu viel zu reden. Sonst faselt man und wird langweilig. Lassen Sie mich also, Verehrtester, nicht langweilig werden . ..!" Dr. G. Asbak.