Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1927)
- Article
- Das jüdische Schulwesen
- Date
- 1927-06-01
- Page
- 424 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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DAS JÜDISCHE SCHULWESEN (Ein nicht allzulangweiliges Gespräch mit einem alten Schulmeister) „Ich wurde beauftragt, einen Bericht über den Stand des jüdischen Schulwesens in Polen zu erstatten. Würden Sie, Herr Professor, die Liebenswürdigkeit haben, mir dafür zehn Minuten Ihrer kostbaren Zeit zu schenken?" „Recht gerne. Aber ich muß Ihnen im vorhinein bemerken, daß ich kein zahlenmäßig genaues Material besitze. Unsere statistischen Ämter registrieren den Stand der nichtslaatlichen Schulen, besonders der Elementarschulen nur ungenau. Wir sind deshalb auf zufällige, unvollständige und unregelmäßige Ausweise angewiesen." „Glücklicherweise kommt es, Herr Professor, in unserem Falle nicht auf vollständige und genaue Zahlen an, unsere Leserinnen und Leser wünschen einen allgemeinen Überblick über das jüdische Schulwesen in Polen. Das eigenartigste im jüdischen Schulwesen Polens ist gewiß der ,Cheder'; im Westen ist diese Institution ganz verschwunden und erregt daher lebhaftes Interesse wie alles Seltene und Exotische." „Der ,Chcderc ist die älteste jüdische Erziehungsanstalt. Wenn man auf ihren Ursprung zurückgehen will, wird man leicht zu einer historischen Übertreibung verleitet, indem man einfach, nach der bekannten jüdischen Parabel sagen will, sie sei alt wie der Gallith. Daß der .Glieder' im Westen, wie Sie richtig bemerkten, ganz verschwunden ist, muß es dem Westjuden schwer fallen, sich seine Art und Einrichtung faßlich zu machen. ,Chedcr\ ,Melamed', JBelfer', diese verschwindenden Bezeichnungen ehemals lebenswichtiger Institutionen sind ihm noch ziemlich geläufig. Aber .Deutel* und ,Kantschug' kennt er nicht einmal vom Hörensagen. Der ,Cheder' ist seiner Form, seinem Ziele und Wesen, seiner ganzen Einrichtung nach, eine orientalische Erziehungsanstalt. Sein Maximalprogramm — ist gründliche Einführung in die Geheimnisse der heiligen Schriften und des Talmud, sein Mindestprogramm — das Bekanntmachen mit den heiligen Laut- und Schriftzeichen, das Lesen- Beten ohne Verständnis des geleseneu Textes. Das Erziehungsziel ist der Gottesfürchtige Jude, die Methode — gedächtnismäßiger Drill, das Haupterziehungsmillel — Glaube an die Worte des Meisters und unbedingter Gehorsam*). Der Staat und die Gesellschaft verlangen einen für soziale und staatsbürgerliche Pflichten und Rechte gründlich vorbereiteten Bürger; der ,Cheder' in seiner alten Form kann das nicht leisten. Pädagogen und Ärzte bekämpfen seine die Gesundheit schädigende, den Regeln der Erziehung und Hygiene widersprechende Arbeitsweise. Der »Glieder' muß, wenn er entwicklungsfähig ist, unbeschadet seines Lehrprogramms und Lehrzieles selbst Schule im modernen Sinn werden, oder — wenn er es nicht kann — dieser Platz machen. Ein Drittes gibt es nicht." „Was verstehen Sie, Herr Professor, unter der »historischen Rolle des Cheders"?" ,,Es würde uns zu weit führen, wollten wir ausführlich und weit in die Vergangenheit zurückgehen. Ich beschränke mich daher auf die uns so gut bekannte Zeit des zaristischen Regimes im ehemaligen »Kongreßpolen'. Da war das einzige Bestreben der Zarenregierungen, alle Bildungs- und Aufklärungsarbeit niederzuhalten. Der religiöse ,Gheder' wurde als nicht aufruhrverdächtig geduldet und war so oft mancherorts die einzige Erziehungsanstalt überhaupt. Aber im freien selbständigen Polen ist der Schulbesuch allgemeine Bürgerpflicht und die Staatsbehörden tun alles, um den Bürgern das Erfüllen dieser wichtigen Pflicht zu ermöglichen. Das kleinste Dorf hat bereits eine Elementarschule, in welcher jedes Kind un- *) Dies alles läßt den „Cheder" angesichts der Erfordernisse, die das moderne Leben an den erwerbstätigen Menschen stellt, als eine Art anachronistisches Überbleibsel einer vergangenen Erziehungsepoche erscheinen.