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Menorah · 1927-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1927) · p. Seite 422

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1927)
Article
Sanitäre Verhältnisse und Bedürfnisse
Date
1927-06-01
Page
Seite 422 (sequence 2)
Language
German
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422 MENORAH steht, in denen schon vier- bis fünfjährige Kinder 8 bis 10 Stunden täglich voll Angst vor dem Rebbe kauern, so haben wir ein Bild von dem hygienisch-sanitären Milieu der jüdischen Bevölkerung in Kongreßpolen, die noch dazu unter den schwersten politischen und ökonomischen Bedingungen zu leiden hatte. Nur zwei Lichtstrahlen erhellten dieses Dunkel und erklären vom eugenischen Standpunkt die Existenzmöglichkeit dieser Massen — vollkommene Abstinenz vom Alkohol und das Fehlen ansteckender Geschlechtskrankheilen. Wenn nun die jüdische Bevölkerung in Kongreßpolen (nicht besser, eher schlimmer war der Zustand in Litauen) trotz der politischen, ökonomischen und sanitären Misere doch sich durchkämpfen und erhalten konnte und körperlich und geistig nicht entartete, so hat sie es unbedingt ihrer Nüchternheit und sexuellen Reinheit (letztere nimmt jetzt leider bedeutend ab) zu verdanken. Das war der große Vorteil, den sie gegenüber der autochthonen Bevölkerung halte. Wahrscheinlich haben auch andere Umstände, wie zum Beispiel frühes Heiraten, dazu beigetragen. Es isl doch merkwürdig, daß die Sterblichkeil infolge der Infektionskrankheiten, Tuberkulose inbegriffen, und trotz der großen Morbidität bei den Juden Polens kleiner als bei den Nichtjuden war. Da kam die große Katastrophe, der W e 1 t k r i e g, mit allen den schrecklichen Nachwehen. Kongreßpolen war einer der unmittelbaren Schauplätze des Weltblutbades. Tausende und aber Tausende von jüdischen Familien verarmten und mußten zum Wanderstab greifen. Die Zurückgebliebenen wurden durch die Epidemien, Ruhr und Flecktyphus, und die mehr als mangelhafte Ernährung dezimiert, wobei selbstverständlich die Juden nicht verschont blieben, wenn die statistischen Tabellen auch jetzt eine geringere Mortalität der Juden aufwiesen. Anderseits muß mit Nachdruck hervorgehoben werden, daß die deutschen Okkupationsbehörden durch eine Reihe strenger, oft drakonischer Maßnahmen (Observationspunkte, Entlausungsslellen, medizinische Stationen usw.) nicht ohne Erfolg bemüht waren, die sanitäre Lage zu verbessern, und die Verschleppung von ansteckenden Krankheiten zu verhüten. Dieselbe Linie verfolgten nun mit systematischer Beharrlichkeit die polnischen Behörden, als sie die Verwaltung übernahmen. Ein Netz von provisorischen und stabilen Krankenhäusern mit diszipliniertem Personal wurde eingerichtet. Mit Dank und Anerkennung soll auch die Arbeit hervorgehoben werden, die das Hilfskomitee unserer amerikanischen Brüder der Joint, auf dem Gebiete des Sanitälswesens geleistet hat. Dank den Mitteln des Joint kann die Gesellschaft TOZ (T ow arzy shvo O c hrony Z d r o w i a £ y d o w — Gesellschaft zum Schutz der Gesundheit der jüdischen Bevölkerung in Polen) ihre nützliche Tätigkeit auf sanitärem Gebiet fortsetzen. Trotz des großen Elends und der allgemeinen Not entstanden dank der jüdischen Propaganda auch in den kleineren Städten jüdische Sportvereine, Scoulorganisationen und in modernem Geist geleitete Schulen, die das Reinlichkeitsbedürfnis und das sanitäre Gewissen auf ein höheres Niveau brachten. Die Aufklärungsarbeit und die genossenschaftlichen Bestrebungen der jüdischsozialistischen Parteien (Bund, Poale- Zion) haben daran ebenfalls einen Anteil. Alles in allem ist der sanitäre Zustand des einzelnen jetzt im Vergleich mit der Vorkriegs- und Kriegszeit entschieden besser. Leider aber bleibt noch viel, sehr viel Arbeit auf dem Gebiet des allgemeinen Sanitätswesens zu leisten. Vor allem ist die kolossale Wohnungsnot, besonders bei der städtischen Bevölkerung — und die Juden wohnen ja fast ausnahmslos in den Städten — das größte sanitäre Mene Tekel. Die schwierige wirtschaftliche Lage der polnischen Judenschaft, die im Laufe der letzten 10 Jahre große Schwankungen durchgemacht hat, um schließlich katastrophal zu werden, ist selbstverständlich ebenfalls maßgebend für die allgemeine sanitäre Situation. Kongreßpolen leidet überhaupt an großem Krankenhausmangel, besonders für Geistes- und Lungenkranke. Die jüdische Bevölkerung ist in die-

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