Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1927)
- Article
- Sanitäre Verhältnisse und Bedürfnisse
- Date
- 1927-06-01
- Page
- 421 (sequence 1)
- Language
- German
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Sanitäre Verhältnisse und Bedürfnisse Von Dr. S. Bychowski Das sogenannte Kongreßpolen, das sich hundert Jahre unter russischer Herrschaft befand, war in sanitärer Beziehung sehr schlecht bestellt. Mit Ausnahme von Warschau und einigen größeren Städten, die übrigens auch viel zu wünschen übrig ließen, fehlten überall die elementarsten sanitären Bedingungen: Kanalisation und Wasserleitung. Die ansteckenden Krankheiten — Pocken, Bauch- und Flecktyphus — die in Mittel- und Westeuropa zu den seltensten Erscheinungen gehören, herrschten hier endemisch, besonders in den kleinen Städten, die abseits von den Verkehrslinien lagen und jeder sanitären Kontrolle entzogen waren. Enge, schmutzige, mit dem Geruch tierischer und menschlicher Fäkalien verpestete Gäßchen, kleine, oft verfallene Häuschen mit einer dichten kinderreichen Bevölkerung bildeten das Merkmal dieser Städtchen. Leider machte der von der jüdischen Bevölkerung bewohnte Stadtteil einen noch viel traurigeren Eindruck. Das Äußere und Innere der Wohnungen vernachlässigt, noch elender die Menschen in ihrer Haltung und Kleidung. Fast in jedem Haus eine Werkstätte oder ein „Laden", in dem größtenteils Nahrungsmittel, die Fliegen und andere Insekten zur Herberge dienen, feilgeboten werden. Keine Anzeigepflicht für ansteckende Krankheiten, von Isolierung keine Ahnung. Im Hinterraum Scharlach oder Typhus, im Vorderraum Milch und Brot, durch dieselben Hände, die den Kranken pflegen, dem Kunden verabreicht. Die einzige Bademöglichkeit ist die rituelle Mikwah, der oft auch ein russisches Dampfbad und ausnahmsweise einige verwahrloste Badezellen angegliedert sind. Das Bad funktioniert aber gewöhnlich nur ein- bis zweimal wöchentlich. Der Fluß, der größtenteils das Trinkwasser liefert, wird häufig als Waschanstalt benützt. Zwar gibt es in jedem Städtchen einen oder einige Ärzte (fast ausschließlich Christen), aber aus verschie- Dr. S. Bychowski Stadtrat und Porsitzender des Gesundheitsamtes der Stadt Warschau denen Ursachen, die ich hier nicht berühren möchte, fehlt jeder innere Kontakt zwischen ihnen und der jüdischen Bevölkerung. Die Juden lassen sich meistens von unwissenden Feldseherern behandeln und nur in schweren Gcburtsfällen — als Hebammen fungieren größtenteils ganz ungeschulte „erfahrene" alte Frauen — wird die Hilfe des Arztes in Anspruch genommen. Jüdische Krankenhäuser gibt es nur in einigen größeren, sogenannten Gouvernemenlsslädlen. Es sind gewöhnlich private Stiftungen, die durch einen Kurator verwaltet werden. In ganz schweren dringenden Fällen wird hie und da aus Warschau oder einer anderen größeren Stadt ein Arzt geholt, fast immer zu spät. In jedem Städtchen gibt es zwar einen Bikkur-Cholimverein, der aber gewöhnlich keine Mittel besitzt und ganz unrationell arbeitet. Fügt man noch einige Skizzen über das Schulwesen hinzu, das aus engen, schmutzigen Chedarim be-