Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1927)
- Article
- Das jüdische Buch
- Date
- 1927-06-01
- Page
- 411 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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DAS JUDISCHE BUCH Von Nachmann M e i s e l (Redakteur der „Literarischen Blätter", Warschau) Es ist schon etliche Jahrzehnte her, seit Polen das Hauptzentrum für die jüdische Buchproduktion wurde. Vor ungefähr 20 bis 25 Jahren besaß Warschau auf diesem Gebiete noch einen starken Konkurrenten in W i 1 n a, das einen bedeutenden Anteil au der jüdischen Verlagsarbeit hatte, doch allmählich bekam Warschau immer mehr die Oberhand und wurde die Metropole des jüdischen Wortes, des jüdischen gedruckten Wortes. Es gab Jahre, da gewissermaßen eine äußerliche Zweiteilung bestand: Wilna produzierte die ernsten jüdischen Werke, Warschau mehr Marktware. Diese Zweiteilung war gekennzeichnet durch den Verlag B. Klezkin in Wilna und den Verlag „Zentral" in Warschau. Doch seit Polen unabhängig und Warschau seine Hauptstadt geworden ist, mußte Warschau das Hauptzentrum werden, das die ganze Provinz und auch Wilna hinsichtlich des jüdischen Buches und der jüdischen Presse absorbiert. Die ersten mehr oder weniger ernsten Proben auf dem Gebiete des Verlagswesens fallen in die Jahre 1888 bis 1890, als in Warschau die jüdischen Sammelbüchcr erschienen: Mordechai Spektors „Hausfreund" und Jizchak Leib P e r e z' „Jüdische Bibliothek". Ebenso wie S c h o 1 e m - A 1 cc h e m s Sammelbücher „Jüdische Volksbibliothek" (erschienen in Kiew im Jahre 1888), waren auch die Warschauer Sammelbücher der Literatur der Kritik und verschiedenen sozialen Fragen gewidmet; in ihnen fanden auch historisch wissenschaftliche Arbeiten Platz. Für die damalige Zeit waren die Sammelbücher eine wichtige kulturell-literarische Erscheinung, welche großen Einfluß auf die weitere Entwicklung des jüdischen Wortes nahm. Sie brachten eine Reihe junger jüdischer Schriftsteller ans Licht der Öffentlichkeit und zogen auch einige ältere hebräische Schriftsteller heran, die sich sonst nur selten auf dem Gebiete der jüdischen Literatur zeigten. In diesen Sammelbüchern debütierten einige Anfänger, welche später und bis heute einen wichtigen Platz in der jüdischen Literatur einnehmen sollten, wie J. L. Perez, Jehoasch, Abraham Reisen, David Pinski und andere. In den Sammelbüchern veröffentlichten auch einige ältere Schriftsteller Aufsätze, die bis heute zu den Perlen der neuen jüdischen Literatur gehören; es sind dies die Werke von Mendele Mocher Sforim, J. L. Perez, Jakob Dinesohn, Simon Frug und andere. Im Bereich dieser Sammelbuchliteratur begann auch die erste ernste Sammelarbeil der jüdischen Folklore. Nach verschiedenen vereinzelten Versuchen einzelner Schriftsteller und Privatverlegcr, Bücher zu edieren, beginnt erst von 1901 an eine ernste jüdische Verlngsarbeit, welche sich hauptsächlich von 1905 beginnend entwickelt. Zu dieser Zeil beginnt schon eine normale Verlagstäligkeit auf verschiedenen Gebieten des Wissens. Es erscheinen die Schriften älterer und jüngerer Autoren und auch Übersetzungen aus der Weltliteratur tauchen auf, kritische Abhandlungen, Biographien berühmter Männer, jüdische Lehrbücher und Kinderlileralur werden verfaßt und veröffentlicht. Die literarische Tätigkeit tritt aus ihrem früheren kleinstädtisch begrenzten Horizont heraus und lernt die breite Straße des allgemeinen Schaffens gehen. Im Verlauf von etwTa 20 Jahren erfolgt eine bedeutsame Änderung in der jüdischen Literatur: an die Stelle der naiven maskilischen Liebhaber der Literatur, die nur in seltenen Stunden zur Feder greifen, tritt eine Generation von Berufsschrifistellern, welche von der Literatur leben und sich in ihr ausleben. Nach Perez ,'olgen S. Anski, H. D. Nomberg, Abraham Reisen, M. J. Bcrdy-