Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1927)
- Article
- Jiddisches Theater
- Date
- 1927-06-01
- Page
- 408 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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JIDDISCHES THEATER Von Dr. Michael Weichert Was war dem Westjuden bis vor kurzem jiddisches Theater? Etwas Unbestimmtes. Einmal waren es die jüdelnden Schmonzes und Lozzelech im Budapester Orpheum, die als jiddisches Theater galten, ein anderes jene primitiven Singspiele, die eine kleine Schar durchreisender Schauspieler in irgend einem Bierlokal der Wiener Taborstraße oder Berliner Grenadierslraße dem Einwandererpublikum vorsetzte. Es bedurfte der wiederholten heroischen Versuche der Jüdischen Volksbühne in Wien, der großen Erfolge der Wilnaer Truppe in den Hauptstädten Zentraleuropas, der vereinzelten Bemühungen der Theaterfreunde in Berlin, schließlich des Gastspieles des New Yorker Morris Schwarzsehen Kunsttheaters in Europa, damit der Westjude lerne, den hohen Rang und vor allem die Eigenart des jiddischen Thealers zu sehen. Denn dies kann nicht bestritten werden: Diese Theaterkunst der Ostjuden hat Eigenwert. Mögen sie ein Goldfadensches Singspiel, ein Gordinsches Familienstück, ein Pinskisches Arbeiterdrama, ein Hirschbeinsches Dortidyll, eine Anskysche Legende, einen Sudermann oder Ibsen, einen Gorki oder Jewreinow spielen, es sind keineswegs die Klänge des Jiddisch allein, die diese Darbietungen kennzeichnen. Ms ist etwas Verborgenes, dem Ostjuden Eigentümliches, das sich in Klang und Gebärde, in Tonfall und Gesicht sausdruck ausspricht. Dieses Eigenartige zu delinieren, es zu umgrenzen — will mir zu früh erscheinen. Das jiddische Theater ist im Werden begriffen. Es blickt auf eine verhältnismäßig kurze Dauer zurück. Kaum 50 Jahre sind es her, als Goldfaden auf den Gedanken kam, einige Lieder der Volkssänger mit etwas Prosa zu binden. Was vorher als Theater existierte, waren Fastnachtspiele, die Purim und Chanuka von Schülern oder Handwerksleuten in Privalhäusern aufgeführt wurden. Mit zunehmender Weltlichkeit wuchs das Theater, schlug, ungeachtet des im Jahre 1883 erfolgten behördlichen Theaterverbotes, Wurzeln in Rußland und gelangte in den Vereinigten Staaten Nordamerikas zu hohem Ansehen. Augenblicklich wird jiddisches Thealer in Rußland, Estland, Lettland, Litauen, Polen, Rumänien, der Tschechoslowakei, Österreich, Deutschland, Frankreich, England, den Vereinigten Staaten, Argentinien, Kanada, Afrika gespielt. Also in allen Ländern, wo Juden in Massen leben. Aber zur höchsten Blüte gelangle das jiddische Thealer in den Vereinigten Staaten, in Rußland und Polen. In New York gibt es in dieser Spielzeil 13 jiddische Thealer, von denen zwei ausschließlich das Drama pflegen, etwa zehn stabile Theater und einige Wandertruppen spielen in der nordamerikanischen Provinz. Rußland hat mehrere Wandertruppen, die alter Überlieferung treugeblieben und deren Spielplan hauptsächlich Singspiel und Familienstück umfaßt. Aber neben ihnen existieren: das staatliche Moskauer Jüdische Kammertheater unter der Leitung von Alexis Granowsky, das unter die ersten modernen Bühnen Rußlands gezählt wird, das weißrussische Jiddische Staatstheater in Minsk, die Studios in Charkow und Odessa, die ebenfalls aus Staatsmitteln unterhalten werden. Auch die letztgenannten drei Bühnen dienen modernen Versuchen auf dem Theatergebiete. Bereits als Bestandteil des russischen Imperiums spielte Polen eine bedeutende Rolle in der Entwicklung des jiddischen Thealers. Sowohl die autochlhone jüdische Bevölkerung wie auch die aus den östlichen Gouvernements zuströmenden Massen bildeten ein dankbares Publikum für die jiddische Bühne. In Polen ließ sich das in echtrussischen Bezirken strenge gehütete Theaterverbot leichler umgehen. Mit geringen Konzessionen an die