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Menorah · 1927-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1927) · p. Seite 394

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1927)
Article
Gericht über "Judas"
Date
1927-06-01
Page
Seite 394 (sequence 4)
Language
German
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394 MENORAH legen mit offenem Mund herplapperte; seine Worte fielen wie in luftleeren Raum. „Was stehen wir noch? ' „Was gaffen wir hier?" „Schleppt Judas zum Kirchturm!" „Wo sind die Stadtjüderln?" „Sie haben sich versteckt." „Einer muß an den Pajes aufgehängt werden!" Der Haufe warf sich rechtswärts und bog zum Haus des Notars ein. Stöcke donnerten gegen die versperrten jüdischen Läden und in tausend Augen tanzte der Teufel, der einen lebenden Juden suchte. Der Notar erschien am offenen Fenster. „Herr Notar, der zum Tod verurteilte Judas will noch rasch sein Testament machen!'4 Die Puppe wurde auf den Boden gestellt, das Gesicht zum Notar gedreht. Ein Bursche schlich heran, legte sein Ohr an das Streimel und sprang lachend zurück. „Was hat er dir zugeflüstert, Janek?" „Man soll sich seiner erbarmen und ihm die dreißig Silberlinge aus der Hand nehmen!" „Hält er sie denn immer noch in der Hand?" „Da hält er sie ja", ein Bursche zog deutend den anderen am Arm. „Schau' nur her!" Alle lachten. Der Bauernbursche riß sich furchtsam los, denn er wußte nicht, warum die Umstehenden lachten. In seiner Verlegenheit gaffte er den Notar an, der das Testament vorlas: „Ich Judas, bin ein altes, schwaches Männlein, ein armseliges Geschöpf... Ihr könnt mich erschlagen und ertränken, mehr als dreißig Taler werdet ihr bestimmt nicht erben . . . Denkt aber daran, daß meine Lippen euch teuer sein sollen: sie haben Jesus geküßt . . „Genug!" „Genug!" „Laßt ihn nicht lästern!" „Wir wollen nichts mehr hören!" „Ertränkt ihn ohne Testament!" Ein Bauer, der ein weißes Chorhemd über dem Rock trug, erhob ein vergoldetes Kruzifix, an dem Jesus, Nägel durch Hände und Füße getrieben, den Kopf auf die Brust gesenkt, hing. Hinter Jesus schleppte sich „Judas" mit seinem roten, geringelten Bart, dem verbundenen Auge, und flüsterte seinem leiblichen Bruder zu: „Warum schweigst du, Jeschua?" „Was soll ich sagen?" „Was fragst du, Jeschua? Du hast dich doch zum Opfer gebracht, um der Menschen Sünden willen! Was hast du mit den Menschen getan? Sieh hin auf den wilden Haufen, der einen lebenden Juden als Opfer sucht! Da er ihn nicht bekommen kann, hat er mich, deinen Bruder, als Popanz ausgestopft, wie Kinder eine Puppe ausstopfen, und sättigt so das Tier in sich! Du weinst, Jeschua? .. ."

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