Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1927)
- Article
- Gericht über "Judas"
- Date
- 1927-06-01
- Page
- Seite 392 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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392 MENORAH „Ich sehe gar nichts." „Wo ist der ,Judas'?" „He, Leute, dreht den Gottseibeiuns mit dem Gesicht den Kindern zu!" „Aber, er hat ja zwei Gesichter!" tönte eine Stimme mit häßlichem Lachen. „Daß ihr euch nicht verschaut, Weiber!" „Die Stefka hat sich verschaut und einen kleinen Teufel mit Hörnern zur Welt gebracht!" Eine alte Bäuerin bekreuzigte sich unaufhörlich: „Ich beschwöre dich, Judas, mit des Herrn Jesu fünf Wunden, mit den drei Nägeln, die seine Hände und Füße durchbohrt haben, nimm nicht fort mit deinem Tod die Milch der Kühe, die Ernte des Feldes, nimm fort mit deinem Tod alle Plage, Fluch und Verwünschung, daß der Mensch nicht mehr leide." Die Luft erfüllte ungeheures Getöse. Das Schreien drang von allen Enden der Stadt, fiel dumpf auf die verschwitzten Körper und lag in den Ohren wie Pfropfenknallen. Hinter gesicherten und verschlagenen Läden saßen die etlichen hundert Juden, welche seit urdenklichen Zeiten in der Kleinstadt wohnten. Durch Ritzen und Spalten blickten sie auf den Markt. Und sooft vom Geschrei und Geheul die Läden zitterten, da zitterten auch die Juden, als würden sie auf den Wogen getrieben, und Angst im Herzen sagten sie mit ihren Kindern Psalmen her. Die Juden wußten, daß es gefährlich war, sich am „heiligen Mittwoch" auf der Straße zu zeigen, und fürchteten, die Bergbauern könnten diesmal Rache nehmen für die vielen Jahre, da der Österreicher das Fest nicht hatte abhalten lassen. Die Prozession machte beim Gerichtsgebäude halt. Der Haufe brüllte: „Wählt einen Richter!" „Einen Staatsanwalt!" „Wir wählen den Herrn Apotheker!" „Nur einen, den man nicht erst bei der Zunge ziehen muß!" „Da ist er schon!" „Ruhe! Ruhe!" „Er spricht schon!" Auf dem Balkon des Gerichtsgebäudes stand ein sechs Fuß hoher Mann, die Hände aufs Balkongeländer gestützt und so ein wenig nach vorwärts gegen die Menge geneigt. Seine Stimme, die anfänglich im Getöse und Getümmel unterging, wurde stärker, klingender und drang wie Glockenton über den Marktplatz: „...Brüder! Als unser Herr Jesus mit den Aposteln das Abendmahl in der Dachkammer eines Wasserträgers nahm, da saß unter ihnen auch Judas. Unser Herr Jesus reichte den Aposteln seinen Becher zum Trinken und sagte ihnen, sie tränken damit sein Blut, das um der Menschen Sünde willen Hießen soll, wie es im Evangelium des heiligen Markus geschrieben steht. Aber Judas," — dabei deutete der Redner