Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1927)
- Article
- Kinderhochzeit
- Date
- 1927-06-01
- Page
- 384 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2912821-2912866-2912873-2919884--05033-2920062- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
KINDERHOCHZEIT Von Jecheskel Kotik Diese lebens- und humorvolle Darstellung einer charakteristischen Episode aus der Geschichte der Juden in Polen ist dem zwei Bände umfassenden Werk „Meine Erinnerungen" von Jecheskel Kotik (Neuausgabe 1922 im Klalverlag, Berlin) entnommen. Kotiks Erinnerungen sind eine lebenswahre und dabei künstlerischen Geist atmende Autobiographie, die das Leben der Juden in Polen um die Mitte des vorigen Jahrhunderts zu plastischer Darstellung bringt. Der große jüdische Dichter Scholem Alejchem hat beim ersten Erscheinen dieser Memoiren, deren Verfasser ein Warschauer Kaffeehausbesitzer war, begeistert auf den Wert des Buches hingewiesen. Die im nachstehenden veröffentlichte Übertragung des dritten Kapitels aus dem ersten Band des in jiddischer Sprache geschriebenen Originals ist etwas gekürzt. Plötzlich ging ein Gerücht um, es sei ein neuer Erlaß herausgekommen, nach dem Mädchen und Jünglinge nicht vor dem 20. Lebensjahre heiraten dürfen. Dieser Erlaß, welcher im Jahre 1842 erschien, rief in ganz Litauen und Polen das seither berühmt gewordene Heiratsfieber hervor. Wer eine Tochter oder einen Sohn von ungefähr acht Jahren hatte, machte ihnen Hochzeit. Damit die Polizei nichts davon erfahre, wurden diese Heiraten heimlich in aller Stille und ohne Zeremonien vollzogen. Die Eltern der Kinder, die miteinander verheiratet werden sollten, einigten sich rasch, der Knabe oder das Mädchen wurden in das Haus eines der Brauteltern gebracht, im Zimmer wurde ein Minjan*) Juden versammelt, die Trauung vorgenommen, ein Glas Branntwein geleert, ein Stückchen Lebkuchen dazu verzehrt und — die Feier war zu Ende. Dann nahm der Vater den jugendlichen Ehemann wieder nach Hause, kaufte ihm einen Tallis, und am nächsten Tage betete der Knabe schon im Tallis, jedoch ohne Tefilin. Der Vater des kleinen Mädchens nahm die „junge Frau" mit, schor ihr die Haare und zog ihr ein Haarband und einen Scheitel an. Die „junge Frau" und der „junge Ehemann" hatten keine Ahnung, daß sie Mann und Frau seien .. . In dem Jahre des Heiratsfiebers hatten in Kamenietz**) alle kleinen Kinder Hochzeit. Es kamen ein paar jüdische Bürger am Abend zusammen und verabredeten, sich noch in derselben Nacht miteinander zu verschwägern. Und gegen 10 Uhr nachts wurden die Kinder aus dem Schlaf geweckt: „Steh auf und geh zur Chupe***)", sagte man den schlafenden Kindern. Eisik, der Fleischer, hat öfters — ich erinnere mich noch daran — erzählt, wie er Hochzeit gehabt hatte: *) Eine Zehnschaft von Juden, die beim Gebet notwendig ist. **) Die Heimatstadt des Verfassers, in Podolien gelegen, heute zu Sowjetrußland gehörig. ***) Chupe Trauhimmel, wird im Jiddischen auch für die ganze Heiratszeremonie gebraucht.