Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1927-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1927) · p. 365

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1927)
Article
Die parlamentarische Politik
Date
1927-06-01
Page
365 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2912821-2912866-2912873-2919868--04986-2920043
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Die parlamentarische Politik Von Apolinary Hartglas Sejmdeputierter Rechtsanwalt Apolinary Hartglas Präsident des Klubs der jüd. Deputierten und Senatoren Vor dem Kriege haben die Juden als Gemeinschaft um ihre Rechte auf parlamentarischem Wege nicht gekämpft. Es gab Kämpfe um die Rechte des Juden als Individuum, um seine Rechte als Staatsbürger, nicht aber um die Rechte der Juden als politische Einheit. Erst in dem zweiten Jahrfünft dieses Jahrhunderts begegnen wir den ersten Versuchen eines parlamentarischen Kampfes um die kollektiven Rechte des Judentums. Dieser Kampf wurde aber nicht unter einer besonderen jüdischen Fahne geführt, sondern unter der Ägide allgemeiner, nichtjüdischer Gruppen. In der russischen Duma haben um die Rechte der Juden heiße Zionisten, wie Advokat Rosenbaum und Schmarjahu Levin, gekämpft, beide Mitglieder der parlamentarischen Kadettenpartei, und der verstorbene Zionist, Advokat Jakobson, Mitglied der Trudowiki (Arbeitspartei). In Deutschland vertrat die jüdischen Interessen der Poale-Zionist Dr. Oscar Cohn, der der sozialdemokratischen Partei angehörte. Nur im Vorkriegs-Österreich wurde nach Einführung des allgemeinen Wahlrechtes der erste Versuch getan, auf parlamentarischem Boden unter eigener jüdischer Fahne aufzutreten. Der erste jüdische parlamentarische Klub, dessen Mitglieder die verstorbenen Abgeordneten Stand und Gabel, ferner Mahler und Straucher waren, hat nicht viel erreicht, er bedeutete aber den ersten Schritt zum selbständigen Auftreten im parlamentarischen Kampf. Nach dem Kriege haben sich die Verhältnisse geändert. In allen Staaten Osteuropas, die auf den Trümmern des alten russischen Imperiums entstanden sind, und in Rumänien treten die Juden entschlossen selbständig auf. Dies geschieht in Litauen, Lettland, Estland, Rumänien und Polen. Die größte jüdische parlamentarische Vertretung, übrigens entsprechend der größten jüdischen Bevölkerungszahl, besitzt Polen. Bei einer Bevölkerung, die zirka 12 Prozent der Gesamteinwohnerzahl des Landes beträgt, sind die Juden im polnischen Sejm durch 35 Abgeordnete (auf eine Gesamtzahl von 444 Abgeordneten, das ist 7*4 Prozent) und im Senat durch 12 Senatoren (auf eine Gesamtzahl von 111 Senatoren, das ist über 9 Prozent) vertreten. Von dieser Zahl haben sich 34 Abgeordnete und 12 Senatoren zu einem Klub vereinigt, dem sogenannten „Kolo Zydowskie" (Jüdischer Klub), 1 Abgeordneter dagegen, ursprünglich Vertreter der Volkspartei (letzthin hat sich diese Partei seiner entledigt), ist derzeit ein „Wilder". Im Sejm sind noch außerdem drei Abgeordnete und im Senat zwei Senatoren Juden dem Religionsbekenntnisse nach, die der Polnischen Sozialistischen Partei angehören. Sie betrachten sich nicht als Juden der Natio-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.