Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1927)
- Article
- Das jüdische Parteileben
- Date
- 1927-06-01
- Page
- 355 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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M ENORAH DAS JÜDISCHE PARTEILEBEN olen mit seinen zirka 3 Millionen jüdischer Bevölkerung, welche JL einerseits eine reiche Tradition gesellschaftlich-kulturellen Lebens besitzt, anderseits durch den momentanen Wegfall des russischen Judentums zur ersten Stelle innerhalb des Weltjudentums vorgerückt ist, repräsentiert heute das Zentrum des jüdischen Problems in der Diaspora. Im Rahmen eines kurzen Aufsatzes ist es nicht leicht möglich, ein deutliches Bild des jüdischen Eigenlebens im polnisch-jüdischen Zentrum zu zeichnen. Wir wollen im nachstehenden uns auf eine Seite dieses Problems, auf die im Parteileben sich äußernde politische und kulturelle Physiognomie des polnischen Judentums beschränken. Auch das kann nur kurz und stichwortartig geschildert und charakterisiert werden. Das jüdische Parteileben in Polen ist — als Problem des polnischen Judentums — jungen Datums. Der Westen hat nie eine Unterscheidung zwischen den differenzierten Teilen des östlichen Judentums zu machen verstanden. Mit dem Begriffe „Ostjude" wird noch immer ein dem Westen fremdartiger Typus der in den überlieferten Formen des Ostens lebenden jüdischen Masse bezeichnet, im Gegensatz zum westlichen Juden, welcher in den Lebensformen der Umwelt aufgegangen ist. In diesem Sinne hat das alte Polen, welches vor 150 Jahren eine Dreiteilung seines Gebietes und Auflösung der Staatlichkeit erlebte, die ganze Zeit hindurch als Einheit in der Vorstellung über die polnischen Juden fortgelebt. In Wirklichkeit ist die Teilung Polens und die spätere Entwicklung der einzelnen an verschiedene Staaten und Kulturen gefallenen Provinzen nicht ohne entscheidenden Einfluß auf die weitere Entwicklung der einzelnen Teile des polnischen Judentums geblieben, was gerade nach der Wiedervereinigung Polens in der politischen Einstellung, Methode und Auffassung oftmals ziemlich scharf zum Ausdruck kam. Noch heute wirken diese Momente im Parteileben nach, und eine Vereinigung der in den einzelnen Teilen tätigen politischen Gruppen stößt trotz ideologischer Gemeinsamkeit auf Schwierigkeiten. Es konnte bis heute nicht die Plattform für eine einheitliche, das ganze Staatsgebiet umfassende Organisationsform der einzelnen Parteien gefunden werden. Dieser Regionalismus bildet ein interessantes und wichtiges Charakteristikum des jüdischen Parteilebens in Polen. V. JAHRGANG JUNI/JULI 1927 NUMMER 6/7 Von Dr. Abraham Insler Mitglied des polnisdien Sejm