Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1927)
- Article
- Der Judenbaum
- Date
- 1927-05-01
- Page
- Seite 308 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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308 MENORAH weiß, was ich von dir zu erwarten habe, und daß bei euch keine Barmherzigkeit istl" „Hanns Holler," sagte der Jude, „meine Mutter ist ein Menschenweib gewesen und deine Mutter ist auch ein Menschenweib gewesen. Ihr habt mein Volk gehetzt und verfolgt seit alten Tagen. Die wilden Hunde, die der Mensch gezähmt hat und gehegt, die sind seine treuen Hausfreunde geworden; die er verfolgt hat und gehetzt, die sind wilde Hunde geblieben und der Mensch ihr Feind. Du hast meinem Stamm den Untergang geschworen, aber ich töte dich nicht. Du wirst morgen wieder der mächtige Mann sein und ich der verhaßte Jude, den ihr peitschet, aber ich töte dich nicht. Meine Mutter ist ein Menschenweib gewesen." Weiter hat der Jude nicht gesprochen, und auch der Hanns Holler hat kein einziges Wort mehr gesagt. Sie saßen fiebernd beisammen auf dem Baum die ganze Nacht. Der Hausierer hatte sein Bündel geöffnet, um mit dessen Lappen sich und seinen Nachbarn vor dem ärgsten Frost zu schützen. „Ich bin solche Nachtherbergen wohl gewohnt," sagte er, „aber der Herr Richter mag daheim ein besseres Bett haben." Und als es Morgen ward und die lieben Vöglein wach wurden im Walde, als draußen im Tale die Herden auszogen mit ihrem Geschehe und die Hirten mit ihrem Geschrei, da verließen die Wölfe den Baum und zogen sich mit hängenden Schweifen in die Wälder zurück. Als hernach die beiden Männer mit halberstarrten Gliedern vom Baume nieder kletterten, nahten eben die Knechte des Hanns, die früh aufgestanden waren, um ihren nicht heimgekehrten Herrn zu suchen. Als sie den Juden sahen, wollten sie alsogleich über ihn herfallen. Der Dorfrichter wies sie zurück, legte die Hand auf des Juden Schulter und sagte: „Den laßt in Ruh'!" Sie staunten sehr, als er den armseligen Mann mit in sein Haus nahm. Nachdem sich dort die beiden von der schrecklichen Nacht erholt und erquickt hatten, sagte der Hanns Holler zum Israeliten: „Bleib bei mir und laß dich taufen, ein Christ bist du ohnehin." Sagte hierauf der Jude: „Ich bleibe meinen Vätern treul" Und torkelte davon. Hanns Holler, der Dorfrichter von Stübau, blickte ihm lange nach, mit Kopfschütteln und seltsamen Gedanken, und hat von diesem Tage an keinem Hebräer mehr ein Leid zugefügt. Die alte Kiefer auf der Heide wurde seit jener Nacht der Judenbaum genannt. Heute steht sie nicht mehr, aber an ihrer Stelle eine junge, frische. Denn so hat's der Hanns seinen Nachkommen befohlen: „Der Baum sei das Denkmal, daß die Begebenheit nicht vergessen werde. Pflanzet ihn nach!"