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Menorah · 1927-05-01 · Heft 5 (Mai 1927) · p. Seite 303

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 5 (Mai 1927)
Article
Roma Israelitica
Date
1927-05-01
Page
Seite 303 (sequence 3)
Language
German
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ROMA ISRAELITICA 303 gewesen, welcher seinem König einen Israeliten zur Berufung in den Senat vorgeschlagen hat. Allerdings handelte es sich um keine geringere Persönlichkeit als die des Generalsekretärs (der Stellung des heutigen Unterstaatssekretärs entsprechend) im Außenminislerium, den ehemaligen Vertrauten des allzufrüh dahingerafften Grafen Camillo Cavour und Fortsetzers seiner Politik, wir meinen Isacco Artom, einen Mann von durchaus gemäßigten Grundsätzen. Immerhin beweist die Tatsache, daß bereits 1876, als es geschah, die historische Rechte, noch bevor sie durch die Linke in der Regierung abgelöst wurde, manches alte Vorurteil abgestreift hatte. Übrigens hat Isacco Artom mit feinem, diplomatischem Takt zeitlebens tiefstes Schweigen darüber bewahrt, daß es Heinrich von Treitschke, diesem Schmäher des Judentums, nur mit seiner Hilfe gelungen war, einen geeigneten italienischen Übersetzer für seine Schrift über Cavour aufzutreiben, und daß er ihm nach Erscheinen dieser italienischen Ausgabe, 1873, eine Ordensauszeichnung vom König von Italien verschafft hatte. Auf Piazza Navona war's nichts Seltenes, daß bei Festen, zur Belustigung des Volkes, Juden halbnackt um die Wette zu laufen hatten! Auch wurde dort im 18. Jahrhundert von Pilgern, die behaupteten, aus dem Heiligen Lande zu kommen, Jordanwasser verkauft, welches die Wunderkraft besitzen sollte, Juden zum Übertritt zu veranlassen. Auf einen ihrer Bedränger in viel früherer Zeit, Kaiser Domitian (81 bis 96), deutet nicht nur Piazza Navona selbst — wegen der von ihm dort angelegten Rennbahn auch Circo Agonale genannt —, sondern noch im besonderen der dort in der Mitte aufgestellte Obelisk hin. Ohne daß der Papst, welcher den Befehl dazu gab, Innozenz X., aus der Familie Pamfili (1644 bis 1655) — den Juden nicht unfreundlich gesinnt —, es wußte, ist dieser Zeuge Ägyptens wrohl der einzige der in Rom befindlichen, welcher, wenn auch nur indirekt, einen Hinweis auf die Eroberung Jerusalems durch Titus enthält. Kann doch wohl Domitian unter den Siegen seiner Vorgänger, seines Vaters Vespasian und seines Bruders Titus, wovon er in der hieroglyphischen Inschrift redet, kaum etwas anderes verstanden haben! Mit beiden hatte er, kurz vor ihrem feierlichen Triumphzug durch die Straßen der Hauptstadt, im Isistempel am Marsfelde — an der Stelle der Kirche S. Maria sopra Minerva — verweilt und wahrscheinlich war es dort, wo er, der Nachäffer der Pharaonen und Freund ihrer religiösen Gebräuche, später jenen Obelisken aufstellen ließ, der nun den künstlerischen Schmuck für Piazza Navona abgibt. Auf seine Antipathie gegen die Juden können diese jedenfalls noch heute stolz sein und ihn in die große Schar unbedeutender, unvernünftiger Herrscher und Regenten, welche solche bewiesen, einreihen. Welch gewaltigen Gegensatz zu solch traurigen Erinnerungen, die Campo de'Fiori und Piazza Navona in uns erwecken, bildet der zwischen beiden gelegene, seinerzeit für einen päpstlichen Nepoten erbaute, stolze Palazzo Braschi: In ihm residierte 1910, in seiner Eigenschaft als Ministerpräsident und Minister des Inneren, der erste Israelit, der es in Italien zu dieser hohen Stellung — unmittelbar nach dem König im Range — gebracht hat, Luigi Luzzatti, nachdem bereits ein Jahrzehnt vorher ein an der allen Überlieferung hängender Israelit, Leone Romanin-Jacur, dort als Unterstaatssekretär gewaltet hatte, während jener, der große Volkswirtschaftler Luzzatti, äußerlich keiner Religionsgemeinschaft mehr angehörend, sein Glaubensbekenntnis in die Worte zusammengefaßt hat: „Pantheist aus Überzeugung, Christ im Herzen, Jude, wenn man es mir vorwirft." Deshalb hat er es auch verschmerzt, daß ihm die höchste aller Auszeichnungen, welche der König von Italien zu verleihen vermag, der Orden der allerheiligsten Annunziata, nicht erteilt werden konnte. Um das nämlich möglich zu machen, wodurch er zum Vetter des Königs und seine Frau zur Cousine der Königin geworden wäre, hätte man zur Änderung der alten Ordenssatzungen schreiten müssen, da nach diesen nur Katholiken jene höchste aller Auszeichnungen zugänglich ist.

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