Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1927)
- Article
- Adolf Warschauer - ein Pionier ostmärkischer Kulturarbeit
- Date
- 1927-05-01
- Page
- Seite 298 (sequence 3)
- Language
- German
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298 MENORAH tigen Professor der Geschichte, Samuel Löwenfeld, der als Posener geeignet schien, in dieser Angelegenheit zu helfen. Er gab die Frage an die jüdische Gemeinde in Posen weiter. Auf Vorschlag des Gemeindesekretärs Golde wurde sie an mich weitergeleitet, der ich mir zutraute, der Lösung mächtig zu sein. Nachdem ich die Sache dem Oberpräsidenten vorgelegt und seine Einwilligung erlangt hatte, stellte ich das reichhaltige Material im Posener Staatsarchiv zusammen. Es ergab sich aus ihm mit voller Gewißheit, daß der bewegende Faktor für die vorwärtstreibende Entwicklung des Judenwesens die preußische Elementarschule gewesen ist. Ich erkannte vier Stützpunkte dieser Entwicklung: Das Generaljudenreglement für Südpreußen und Neuostpreußen von 1797, worin der preußische Staat sich deutlich zu der Pflicht bekannte, die ihm zugefallenen polnischen Juden zu nützlichen Staatsbürgern zu erziehen, das Allgemeine Preußische Landrecht mit seinen Bestimmungen über den Schulzwang, die Organisation der öffentlichen jüdischen Elementarschulen unter den Juden und die Flottwelsche Verordnung wegen des Judenwesens im Großherzogtum Posen von 1833. Die fertiggestellte Arbeit, die ich mit dem Text der wichtigsten Urkunden belegte, ließ ich dem russischen Auftraggeber zustellen. (Leider habe ich nie etwas darüber gehört, ob die Ergebnisse meiner Forschungen — sie erschienen später unter dem Titel: Die Erziehung der Juden in der Provinz Posen durch das Elementarschulwesen — in Russisch-Polen praktische Verwendung gefunden haben.)" Wie das Resultat dieses Eindeutschungsprozesses ausgefallen ist, in welcher Weise dieser Prozeß sich im Bewußtsein der posenschen Juden umgesetzt hat, das deutet Warschauer in der ihm eigenen Weise nur an. Ungeheuer charakteristisch und interessant ist es jedenfalls, wie schnell weiten Schichten der Posener Judenschaft das Wissen um den Zusammenhang ihrer deutsch- und allgemeinkulturellen Bestrebungen mit den absichtsvoll aufgegriffenen Tendenzen der Judenemanzipation geschwunden war. Warschauer selbst hatte Gelegenheit, in der Entstehungsgeschichte eines für das kulturelle Leben der Stadt recht bedeutenden Vereines — offenbar nicht gerade zur Freude der Betroffenen — solche Zusammenhänge nachzuweisen. Die Posener Juden identifizierten sich jedenfalls so völlig mit dem Deutschtum, daß für Warschauer, dessen Arbeit ja selbst auf diesem Grunde ruhte, kein Anlaß vorlag, ihren Anteil an der deutschen Kulturarbeit im Osten besonders hervortreten zu lassen. Dem aber, der zwischen den Zeilen zu lesen vermag, wächst — mit den Händen zu greifen — die Erkenntnis zu, welch ungeheuren Einfluß das seit langen Jahrhunderten bodenständige jüdische Element auf die Verbreitung deutscher Kultur in der Ostmark ausgeübt hat. Das Geheimnis von Warschauers Erfolgen bei seinen eigenen Bemühungen um die Organisierung und Befestigung der deutschen Kulturarbeit in der preußischen Grenzmark scheint mir zum großen Teil gerade darin begründet zu sein, daß er einen sicheren Rückhalt an der stets willigen, bildungseifrigen Schicht der Juden seiner Heimatprovinz hatte. Eine Fülle von Namen dieser jüdischen Träger deutscher Kultur tritt uns in Warschauers Buch entgegen und eine ungeheure Liebe der Posener Juden zur Geschichte und Erde ihrer Heimat. Welchen Widerhall dies heiße Bemühen der vielen um die Erwerbung und Verbreitung der deutschen Kulturgüter fand, ob wirklich Herzenston auf Herzenston traf, das allerdings läßt Warschauer verschleiert. Warschauer erzählt selbst beiläufig von dem Nationalökonomen Professor Georg Adler — er hat es als Jude zu keinem Ordinariat bringen können — der all seine Ferien bei seiner alten Mutter in seiner Geburtsstadt Posen verbrachte und der auf die Frage, weshalb er denn keine Reisen mache, erwiderte: „Wohin soll ich gehen? Posen ist ja doch die schönste Stadt der Welt." Eine Liebe, die solcher Verzückungen fähig war, mußte auch Schmerzen tragen können . . .