Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1927)
- Article
- Adolf Warschauer - ein Pionier ostmärkischer Kulturarbeit
- Date
- 1927-05-01
- Page
- 296 (sequence 1)
- Language
- German
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Adolf ^Warschauer — ein Pionier ostmärkischer Kulturarbeit Von Dr. J. Jacohson Die Nachkriegszeit, die durch unendliche Erschütterungen sich hinübertastet nach neuen Gestaltungen, hat uns in Überfülle Memoiren von jenen Männern eingebracht, die dem, was gewesen ist, ihren Stempel aufgedrückt hatten. Das ungeheure Mitteilungsbedürfnis von Leuten, die vorher nicht gerade im Bücherschreiben ihre Domäne erblickt hatten, wTar großenteils nur aus dem sehr verständlichen Verlangen geboren, der Mit- und Nachwelt eine Antwort auf die unabweisliche Frage nach Schuld und Sühne zu geben und diente nicht selten dem Zweck, diese ganze Frage auf ein falsches Gleis zu schieben. Je mehr diese zweckbetonten Lebens- und Kriegserinnerungen sich häuften, desto mehr nahm das Interesse an ihnen ab; und nur wenn in schlaf verlassenen Nächten die Gedanken hinüberdrängten zu einer Welt, die uns zerstört worden ist, griff man wohl noch einmal zu einem dieser trügerischen Erinnerungsbücher. So wurde auch den Memoiren, die nicht zugleich und nicht vorwiegend Rechtfertigungsbücher sein wollten, der Weg erheblich erschwert. Das Mißtrauen, das nun einmal bestimmend für die Einstellung zur ganzen zeitgebundenen Gattung geworden ist, zwingt ihnen in erhöhtem Maße die Pflicht zur Objektivität, zur Ausgeglichenheit, zur Wahrung der inneren Qualität auf. Darf dann aber ein solches Buch die Kritik passieren, so hat das unter den heutigen Verhältnissen sinngemäß mehr zu bedeuten als in naiverer Vorkriegszeit. Die Lebenserinnerungen, die der in Berlin im Ruhestande lebende Geheime Archivrat Adolf Warschauer soeben veröffentlichte*), dürfen — das spricht schon für sie *) Deutsche Kulturarbeit in der Ostmark. Erinnerungen aus vier Jahrzehnten von Dr. Adolf Warschauer, Archivdirektor a. D. Mit einem Porträt des Verfassers. 1926.Yerlag vou Reimar Hobbing, Berlin. selbst — eine solch argwöhnisch gewordene Kritik getrost passieren. Das wiegt um so schwerer, als Warschauers Leben sich in der Hauptsache in der heißumkämpften reich sdeutschen Ostmark, in der ehemaligen preußischen Provinz Posen, abrollte, sich also dem Memoirenschreiber für Erleben und rückwirkende Wertung Klippen genug darboten. Die deutsche Kulturarbeit in der Ostmark, die Adolf Warschauers Schaffen glänzende Umrahmung und inneren Schwung gab, ist auch das tragende Thema seines Lebensberichtes. In der Schilderung dieser kulturellen Bestrebungen und der besonderen Leistungen, die er in sie hineingab, liegt der eigenartige Reiz, der Wert und die Bedeutung von Warschauers Buch. Adolf Warschauer wurde 1855 in Kempen, einem po senschen Städtchen nahe der schlesischen Grenze, dem einstigen Rabbinatssiize des Malbim, geboren. In Breslau, wo er seine ganze Gymnasial- und Universitätszeit verbrachte, trat er in nahe Beziehung zu Professor Jakob Caro, dem berühmten Erforscher der polnischen Geschichte. Caro, dessen Verbindungen sehr hoch hinaufreichten, setzte Warschauers Aufnahme in den bis heute höchst exklusiven preußischen Archivdienst durch. Warschauer kam 1882 an das Staatsarchiv in Posen und hatte es seiner überraschend schnell gewonnenen Meisterschaft in der Erforschung der Provinzialgeschichte, seinem vielfach bewährten Talent in der Organisierung wissenschaftlicher und kultureller Bestrebungen zu verdanken, daß er drei Jahrzehnte in seiner Heimatprovinz festgehalten wurde. Im Jahre 1912 erfolgte seine Ernennung zum Direktor des Preußischen Staatsarchivs in D a n z i g. Hier war ihm allerdings nur eine verhältnismäßig kurze, wenn auch sehr fruchtbare Wirksamkeit beschieden. Denn kurz nach der Einnahme von W a rschau wTurde er zum Leiter der dem deutschen Generalgouverneur von Beseler direkt unterstellten Archivverwaltung berufen. Mit dem Abschluß der für die deutsche und polnische Wissenschaft gleich werlvollen Tätigkeit in Polens Hauptstadt und der Abwicklung