Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 4 (April 1927)
- Article
- Josef Floch
- Date
- 1927-04-01
- Page
- Seite 232 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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232 MENORAH Auch das Figurenbild wird gelegentlich für sich genommen und aus unmittelbaren Beobachtungen gefolgert. Das sind die Porträts. Mit diesen Bildnissen steht es fürs erste nicht anders als mit den Landschaften. Auch sie entdecken in der Natur die einfache und größere, still in ihr ruhende Form. Aber schon das Verfahren ist hier anders, nicht transparent, sondern voll. Und alles ist jetzt Ausdruck. Die herben Gestalten mit den müden Gebärden, die Gesichter mit den versonnen, versunken aufblickenden Augen und die tief tönenden Farben — sie wirken einmütig zusammen, umschweben das verschlossene Menschenwesen, zart auf der Hut, es nicht aufzuscheuchen. Wie schön ist solche Behutsamkeit, wie reich und schwer ihre Frucht! Sie führt überall den Sieg des Stillen und Mächtigen über das Vielfältige und Wandelbare herbei: in den Köpfen siegt über den Charakter die Rasse, in den Frauen das Weib. Das Äußerste zeigen dann die freien Kompositionen. Gestalten der beiden Geschlechter in feiernden Haltungen und so einander gesellt. Durchklüftete Landschaften, welche die Rhythmen der Körper aufnehmen und in farbige Dämmerungen tragen. Eine bukolische Welt schwermütiger Stimmungen, unerlöst, aber trächtig — urmütterlich. Den willkürlichen Spielen des Lebens entzogen, gerichtet auf Vorstellungen des Allgemeinen und Absoluten — auf die Symbole. Schön ist das Zögern dieser Jugend, die mit andächtigem Gefühl die Formen weniger ergreift als ertastet. Schön sind die Fernen, wo die vereinten Gebärden der Figuren und der Landschaft uferlos verrinnen. Am schönsten vielleicht der dunkle Wohllaut der Farben. Denn diese Bilder — vom Warmen zum Kühlen harmonisch geführt — sind vor allem Architekturen der Farbe. Man wird dieser Künstlerjugend, man wird ihrer Entwicklung, die aus dem romantischen Schwärmen ihrer Anfänge zu der bestimmten, antikischen Größe ihrer gegenwärtigen Formen aufsteigt, ganz vertrauen dürfen? Sie hat zwar nicht das gefällige Wesen, dem die Gunst der Menge gilt und nicht die üble Unterwürfigkeit gegenüber dem hergebrachten Geschmack der Betrachter, wohl aber die Keuschheit für jegliches Empfängnis und die Demut vor dem Werk. Ihr ist die Kunst Andacht, aber auch unermüdlicher, unverdrossener Dienst. Von sittlichen Pulsen bewegt, auf hohe Ziele gerichtet, ist sie Gestaltung verborgener Wünsche unserer Zeit. Wir müssen uns nur hingeben wollen. Und werden auf ihren Wegen eine geahnte Welt, rhythmisch reiner und beruhigt, durchschreiten. Max Eisler.