Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 3 (März 1927)
- Article
- Ein Buch unserer Zeit: Heinrich Berl [Rezension]
- Date
- 1927-03-01
- Page
- 198 (sequence 1)
- Language
- German
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Ein Buch unserer Zeit: Heinrich Berl „DAS JUDENTUM IN DER iMUSIK Von Rudolf Reti Von der „Menorah" vor einigen Jahren aufgefordert, die Leitung ihres Musikreferats zu übernehmen, konnte der Schreiber dieser Zeilen nicht umhin, offen gewisse Bedenken über seine diesbezügliche Eignung auszusprechen. Die doppelt notwendige Legitimation: in bezug auf musikalisches und jüdisches Terrain schien nur von der ersten Seile her einwandfrei — wie er wenigstens glauben zu dürfen hofft — gegeben. Was das Jüdische betrifft, brachte er dagegen nicht viel mehr mit, als die Berufung des Blutes und — allerdings — die Liebe zum Gegenstand. Es war daher mehr der Ausdruck eines inneren, intuitiven Gefühles, als der einer durch verstandesmäßige Beweise fundierten Überzeugung, wenn in den der Musik gewidmeten Betrachtungen dieser Blätter mit draufgängerischer, fast naiv waghalsiger Bestimmtheit e i n Gedanke stets wie ein ganz sicherer, unanzweifelbarer Grundsalz vorweggenommen wurde, wie eine, allen anderen noch zu klärenden Problemen vorangehende, selbst einer Diskussion nicht erst bedürftige Voraussetzung: nämlich die Gewißheit, daß es — von allen, auch kunstmäßig stilisierten und wie immer verarbeiteten Äußerungen eines jüdischen Volks- und Synagogalgesanges abgesehen — überdies so etwas wie eine j ü d is c h e Kunstmusik gäbe. Konkreter ausgedrückt: daß schon in den Werken der jüdischen Musiker der klassischen Periode: Mendelssohn, Offenbach, Bizet, Meyerbeer usw., noch weit deutlicher aber im Schaffen der Musiker jüdischen Stammes unserer Zeit: in den Werken eines Mahler, Milhaud, Bloch, zum Teil, wenn auch weit bedingter, eines Schönberg und Korngold jüdische Elemente mitschwingen, eine wesensbildende Kraft, deutlich jüdischen Ursprungs, somit ein „Judentum in der Musik" offenbar werde. Dieses seinerzeit entstandene intuitive Gefühl hat sich inzwischen zu sachlich begründeter Erkenntnis gewandelt. Ebenso aber ist das Bewußtsein hinzugetreten, daß hiemit keineswegs eine allgemeine, gar nicht debatlierbare Meinung vertreten werde. Daß, ganz im Gegenteile, derartige Anschauungen nicht nur häufig negiert, sondern geradezu erbittert bekämpft zu werden pflegen. Und dies nicht bloß dort, wo eine Ablehnung alles dessen, was dem Judentum zur Ehre gereichen könnte, von vornherein erwartet werden muß, sondern in erstaunlich gehässiger Weise oft auch von Seiten, deren innere und äußere Position gerade zur Verkündigung jüdischer Geisteskraft prädestinieren sollte. Somit ist die Genugtuung doppelt groß, daß diese hier stets verfochtenen axiomatischen Anschauungen nun mit einem Male eine weitgehende Bestätigung erfahren haben, und zwar eine glänzendster Art. Das vor kurzem erschienene Werk Heinrich Berls: „Das Judentum in der Musik1' (Deutsche Verlagsanslalt, Stuttgart) ist mehr als eines der besten Musikbücher unserer Zeit, weit mehr als eine auf gründlichster wissenschaftlicher und künstlerischer Sachkenntnis fundierte Information (diese sogar keineswegs lückenlos) über jüdisches Musikwollen und -können. Es ist vielmehr vor allem, wie die meisten großen, auch wissenschaftlichen Leistungen, selbst eine künstlerische Tat erster Ordnung, eine schöpferische Erfühlung der tiefsten Wurzeln jüdischen Künstlertums, vielfach — dies kann ruhig gesagt werden — den großartigen Darstellungen Bubers an die Seite zu stellen. In diesem Sinne sei daher betont, daß der obige Hinweis auf die Konformität des eigenen Grundwollens als nebensächlicher, lediglich für die Leser der Menorah" (für die er immerhin einige Aktualität besitzt) bestimmter, froher Vermerk angesehen werden wolle. Daß aber im übrigen vor den be-