Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 3 (März 1927)
- Article
- Auf dem Hügel
- Date
- 1927-03-01
- Page
- Seite 178 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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178 MENORAH Schmiel-Jossje warf den Weibern einen seiner stummen, schiefen Blicke zu, seufzte, nahm die Hacke und ging wieder in den Garten, um an dem Stall zu arbeiten. Er schlug mit der Hacke wütend auf den Pfahl und begriff nicht, was sich hier abspielte. Der Mann hatte Angst, daß für ihn kein Fleckchen bleiben wird, wo zu sterben. Weder für ihn, noch für seine alte Frau. Schmiel-Jossje hatte allen seinen Kindern, den Söhnen und Töchtern, Parzellen in seinem Garten als Mitgift gegeben und diese bauten sich dort ihre Häuschen. Er rechnete damit, daß er auch Breindel, seiner Jüngsten, ein Stück Platz in seinem Garten für ein Häuschen als Mitgift geben würde. Aber eine halbe Stube von der seinigen abzugeben, kein Plätzchen zum Sterben zu haben, weder er noch seine Frau — nein, darauf war er nicht gefaßt. Nach hundert und zwanzig Jahren, wenn er und Sureh sterben werden, wird er seine große Stube den Kindern als Erbschaft hinterlassen. Aber jetzt? Den Ofen einstürzen? Eine halbe Stube irgend einem deutschen Bäcker weggeben ... Einem wildfremden Teufel... Dem Manne wurde schwer ums Herz und er konnte an die ganze Sache nicht recht glauben.. . Durch das Fenster, das mit Fliegenkot betupft war, sah Dudsies breites, pockiges Gesicht hinein, ganz dem seines Vaters ähnlich. Er wischte sich die Nase an dem zerrissenen, fettigen Ärmel, kniff wie gewöhnlich ein Stück schwarzes Brot aus der Tasche hervor, das er mit seinen schütteren, scharfen Pferdezähnen kaute, und spähte mit seinen schmalen Augenschlitzen nach Breindel. Er wußte, daß heute die rechte Zeit ist, in den Garten zu schleichen, auf den Baum zu kriechen und sich die Taschen mit Äpfeln zu füllen. Aber Breindel saß im Garten zwischen den Bäumen, mit einem Stock in der Hand und paßte auf. Plötzlich fiel Chajetschke, die Marktfrau, mit einem Höllenlärm in die Stube, packte den Freier bei der Hand und schrie: „Komm .. . was wirst du da noch länger sitzen, was ... Freier brauchen sie... gib ihnen Freier ... Die Pest... Breindel mag sitzen bleiben bis sie einen grauen Zopf kriegt, Breindel.. Der Freier ging den Hügel hinab. Den Hut seitwärts, das Stöcklein zornig in der Hand, fuhr er nach Koslew zurück, legte das Sabbatgewand ab und ging wieder an die Arbeit drunten in dem heißen, dunklen, mehligen Keller. Während er so in den Unterhosen stand, über den Teigtrog gebeugt und mit beiden Händen knetete, rannen ihm die Schweißtropfen von der Nase und fielen in den Teig hinein. (Fortsetzung folgt.)