Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1927)
- Article
- Unsere Mutter
- Date
- 1927-02-01
- Page
- Seite 135 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2912821-2912866-2912869-2919083--04461-2919193- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
UNSERE MUTTER 135 ist nebst meiner Person schon genug drin: Jacke, Milch, Windeln, die Handarbeit für die Frau Müller und — wie sie immer frivol sagen, der Kaffeetopf, Du weißt schon! Ich bin heute schlecht gelaunt: das schöne Mäderl, mit dem ich am Kiosk Rendezvous hatte, ist nicht gekommen; sie wird wohl zahnen. Mit vielen Grüßen Dein treuer Sohn Willi, der um einen Pfund reicher, aber um viele Hoffnungen ärmer geworden ist. Liebste Mama! Gar nichts sollst Du ihr bezahlen, gar nichts! Ich hab' selbst gehört, wie sie erzählte, daß schon ihr Max so gern mit der silbernen Glocke gespielt hat und nach ihm alle andern Kinder aus der Familie, die zu ihr zu Besuch kamen, die werden also die Beulen schon früher gemacht haben, nicht ich, und jetzt droht sie mir, ich werde die Glocke bezahlen müssen! Am liebsten ginge ich bei Nacht und Nebel durch. Was diese Tante Rosa für eine Person ist — es ist schrecklich. Gestern war es kühl; anstatt mich zu Hause zu lassen, zog man mir das Wollkleid an und das rote Mützerl, da lachten sie, und Tante, diese boshafte Person, sagte, jetzt brauche man für den Affen — damit meinte sie mich! — nur noch einen Savoyarden und marsch! auf den Bären und Kunststücke gezeigt! Was sagst Du zu dieser Roheit? Wann wird diese Kette der Leiden endlich eine Ende haben? Tausend Grüße und Küsse Dir und Papa von Deinem lieben Willi. P. S. Ich bin schon wieder gut mit ihr; sie hat mir einen roten Luftballon gekauft. 2. P. S. Der Luftballon ist zerplatzt, und mit ihm ist auch meine Liebe verflogen. Liebste Mama! Ach, Mamale, ich fürcht' mich, ich furcht' mich so sehr! Sie ist eine gefährliche Person, glaub' es mir, sie scheint ein Attentat auf mein junges Leben zu planen. Einmai sagte sie: ,,Ich fress' dich, du süßer Kerl!*' Ein andermal: ,,Ich geb' ihn nicht wieder her!" Dabei drückte sie mich so fest an sich, daß mir der Atem ausging. Der gestrige Tag ist der schwerste, den ich in meinem ganzen Leben zu ertragen hatte. Sie bildete sich ein, Papa würde kommen, bestellte ein feines Nachtmahl, putzte mich auf wie einen Pfau und fuhr mit mir zur Bahn. Ich mußte draußen warten, drin ist die Luft zu schlecht, sagte sie. Als sie wiederkam, allein, erkannte ich schon an ihrer langen Nase, daß Papa nicht gekommen war; ich schämte mich buchstäblich auf der Straße mit ihr. ,,Ja, ihr seid euer Geld wert!" Oder: ,,Du hast einen feinen Papa, kannst dir was einbilden!" So ging das fort. In mir kochte es, und als sie zu Hause auch nicht aufhörte, da gab ich ihr einen Kratzer, den man heut noch sieht. Am allermeisten schimpfte sie aber, als sie das gute Abendessen allein essen sollte; da blieb ihr vor Wut ein Knochen im Halse stecken. Doch ich hütete mich wohl, ihr denselben herauszuziehen, sie hätte es mit mir vielleicht so gemacht, wie der Fuchs mit dem Kranich. Aber Unkraut verdirbt nicht, sie ist wieder ganz wohl und hat mir heute wieder Pap — ihr glaubt wohl Paprikagulasch? nein, Papioka zu essen geben wollen. Ja, Schnecken, dacht' ich mir, friß das selbst! Komm Du, Papa, und rette die Ehre unserer Familie. Sonst wird sie mich am Ende noch als Geisel hier behalten wollen, so ein armes, junges Geiserle! Helft mir doch! Verlangt, daß sie mich unter sicherem Geleite bis Tientsin — wollte schreiben Budapest — aber die Tagesereignisse verwirren sich in meinem Kopf — bringen, aber sie' ist ja noch schlimmer als der Tsching-Tschung- Tschang. Ich befinde mich in derselben bedrängten Lage wie die Gesandten in Peking. Es harrt sehnsüchtig der Befreiung Dein treuer Sohn Willi. P. S. Richtig! Wißt Ihr, was sie noch gesagt hat? Sie läßt den Papa überhaupt nie mehr herein! (Fortsetzung folgt.) hochfeiner Herren- und Damenstoffe, moderne Faschingseide, Crepe de Chine, Weiß- und Leinenwaren zu nie gedacht billigen Preisen bei VI., Linkß WieHZeilß 40, IIH HOfe Kann & Fried