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Menorah · 1927-02-01 · Heft 2 (Februar 1927) · p. 134

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 2 (Februar 1927)
Article
Unsere Mutter
Date
1927-02-01
Page
134 (sequence 1)
Language
German
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Unsere Mutter Von A. K. (16. Fortsetzung.) Liebste Mama! Warum hat man mich armes Menschenkind aus dem schönen Ungarland in die Polackei geschleppt — in B. war es noch erträglich, da hatte ich wenigstens meine schöne Großmama — aber hier bin ich ja in der Hölle und werde gehetzt wie ein Reh. Will ich zu Hause ausruhen, so heißt es: „Draußen schlafen!'* Sogar die Mahlzeiten muß ich alle draußen einnehmen — ja, wohin habt Ihr mich eigentlich geschickt, in die Wohnung im Schillerpark oder draußen in die Anlagen"? Gestern habe ich mich dort zehn Stunden herumgetrieben, fragt Julie. Ich bitte Dich, liebe Mama, schreib ihr nichts mehr über meine Ohren. Heute sagte sie nämlich: ,,Ja, was will denn Deine Mama mit Deinen Eselsohren? Die wird der Arzt nicht anders machen, gesund sind sie ja." Und Julie lachte über den rohen Witz, so daß ich entschlossen bin, die Partie zurückgehen zu lassen. Vielleicht wirkt das auch auf den König von Serbien. Dein lieber Willi. Liebste Großmama! Sag' Du ihr, daß sie mir Ruh' geben soll; droh' ihr, daß Du sie enterben wirst, wenn sie mich weiterhin so sekkiert. Nur um dem ewigen Geknaufe zu entgehen, schlafe ich die ganze Nacht, ohne mich zu rühren; letzte Nacht aber konnte ich nicht schlafen, ich war zu aufgeregt über das Attentat auf den armen König Humbert und ich hatte solchen Durst und noch etwas anderes, trotzdem muckste ich mich nicht. Kann man noch braver sein? Du mußt mir helfen, liebe Großmama, wer hätte sich auch je an Dich gewendet, ohne ein geneigtes Ohr zu finden? Also höre, was Deine Tochter mir angetan hat, ach, verdient sie eine solche Mutter? Sie hat mich hier unmöglich gemacht, ich bin unsterblich blamiert, und nur gesenkten Blickes fahre ich durch die Straßen. Du kennst doch ihre Manie, daß ich mich bei Regen und bei Sonnenschein den ganzen Tag in der vom lieben Herrgott gemieteten Wohnung, nämlich in den Anlagen, aufhalten muß; erst am Abend gewährt sie mir Unterschlupf. Als ich gestern — es drohte Regen — mit meinen schönen schwarzen Augen auf die Straße wies, um sie darauf aufmerksam zu machen, tat sie mir eine tätliche und tödliche Beleidigung an: sie leckte meine Backe und fragte ironisch: ,,Bist du aus Zucker? Dieser Ansicht sind höchstens Deine verblendeten Eltern. Ich meine, du wirst nicht zerfließen." Bitte, bitte, Großmama, lies ihr tüchtig die Leviten. Dein Dich innigst liebender Enkel Willi. Liebe Mama! Bin ich froh! Kisch, kisch! Ich halte mir den Bauch vor Lachen und reibe mir vergnügt die Hände — nun hab' ich mich gerächt! Ich bin so glücklich, daß Tante sich ärgert: ich hab' diese Woche gegen dreißig Deka, in der Vorwoche nur zwanzig zugenommen! Ich hab' nämlich den Atem angehalten und mich so leicht gemacht, so leicht, als ich nur konnte, um ihr einen Schabernack zu spielen. Heute haben sie mir nämlich wieder eine chinesische Speise vorgesetzt — Grieß nennen sie es — aber ich habe ihnen gezeigt, wie ich von China und den Schlitzaugen denke, und schließlich mußten sie mir wieder Milch geben. Den Grieß sollen sie selber . . essen! Sag', Mama, warum hast Du mir einen so kleinen Wagen gekauft? Wenn ich wirklich eine Schwester bekommen sollte — man munkelt so allerlei — so kann ich sie ja unmöglich zu mir in den Wagen lassen. Da

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