Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1927)
- Article
- Spinoza
- Date
- 1927-02-01
- Page
- Seite 118 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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118 MENORAH Den „heiligen" nennt Herder den jüdischen Philosophen ans Amsterdam in diesen Distichen. Wahrlich, wenn jemals ein Mensch dieses Prädikat verdient hat, so war es Spinoza, der Philosoph, der nicht nur eine Philosophie geschafTen, sondern auch nach ihr gelebt, zwischen dessen Sinnen und Trachten kein Abgrund geklafft hat. Ein Philosoph, zu deutsch ein Freund der Weisheit, wer wäre es jemals mehr gewesen denn der arme Glasschleifer, dem die Philosophie nicht Beruf, aber Berufung war, der eine Lehrkanzel ausschlug, die ein Schopenhauer gierig angenommen hätte. Im Altertum, bei den Griechen, legte der Drang, zu philosophieren, auch gewisse ethische Verpflichtungen auf. Ein Diogenes mag uns heute vielleicht einigermaßen lächerlich erscheinen; seinen Zeitgenossen kam der Zyniker in der Tonne keineswegs so vor, im Gegenteil, man achtete ihn, weil er sein Leben seiner Lehre gemäß lebte. Und ein kaiserlicher Philosoph, Mark Aurel, in den Lehren der Stoa erzogen, blieb ihnen sein Leben lang treu, im Wort und in der Tat. Ein solches Ereignis in Spinozas Leben ist seine Berufung nach Heidelberg. Karl Ludwig, Kurfürst von der Pfalz, ließ im Jahre 1673 den Amsterdamer Juden durch seinen Rat Joh. Ludwig Fabricius einladen, eine ordentliche Professur an der Universität in Heidelberg zu übernehmen. Das äußerst höflich und ehrenvoll gehaltene Schreiben enthielt unter anderem die Stelle: „Unbeschränkte Freiheit zu philosophieren soll Ihnen gewährt sein, in der Überzeugung, daß Sie dieselbe nicht zur Störung der öffentlich geltenden Religion mißbrauchen werden." Die Antwort Spinozas verdient wegen ihrer feinen Ironie vollständig zitiert zu werden (in der Übersetzung von Stern bei Reclam): „Wenn es je mein Wunsch gewesen wäre, eine Professur an einer Fakultät anzunehmen, so hätte ich mir nur die wünschen können, die mir von dem durchlauchtigsten Kurfürsten von der Pfalz durch Sie angeboten wird, vor allem wegen der Freiheit des Philosophierens, die der gnädigste Fürst zu gestatten geruht, abgesehen davon, daß ich schon längst wünschte, unter der Regierung eines Fürsten zu leben, dessen Weisheit allgemein bewundert wird. Weil ich aber nie die Absicht gehabt habe, ein öffentliches Lehramt zu bekleiden, kann ich mich nicht entschließen, dieses glänzende Anerbieten anzunehmen, obgleich ich mir die Sache lange überlegt habe. Denn ich bedenke erstlich, daß ich mich der Fortbildung der Philosophie entziehe, wenn ich mich dem Unterricht der Jugend widmen wollte. Zweitens bedenke ich, daß ich nicht weiß, innerhalb welcher Grenzen diese Freiheit des Philosophierens sich halten müsse, damit ich nicht die öffentlich geltende Re-