Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1927)
- Article
- Der Chaluz
- Date
- 1927-02-01
- Page
- 109 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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DER CHALUZ Novelle von Elna Ried Er lag lang ausgestreckt in seinem Spitalsbett und blickte auf die funkelnde Morgensonne, die sich in den blinkenden Nickelhähnen des Waschbeckens vor ihm spiegelte. Hätte er sich nur über die letzte Zeit Rechenschaft zu geben vermocht! Alles versank ihm wie im Nebel. War es schon so lange her, daß er in der Kolonie Steine gekarrt, Erntearbeit geleistet, mit den anderen gesungen und unter dem Zelt genächtigt hatte? Dann war die Malaria gekommen, und er hatte unter dem Wellblechdach des Barackenspitals gelegen, bis die schlimmsten Fieberwochen vergangen waren. Wieder hatte er versucht, Dienst zu tun, aber diesmal ging es nicht mehr. Die Erschöpfung der Krankheit hatte Schreckbilder in ihm ausgelöst, denen er keinen Widerstand entgegensetzen konnte. Die Erinnerung an Kiew, von wo der Pogrom ihn einst verscheucht hatte, sein Entsetzen, das ihn davon - getrieben und bewogen, dem gelobten Lande zuzustreben. Heimlich, mit falschem Paß. Längst hatte er geglaubt, das Grauen überwunden zu haben, und nun schüttelte es ihn mit erneuter Kraft und zwang seine Gedanken zurück zu der alten Heimat, fort von der neuen, wo er arbeitete und schuf und einem Endziel dienen wollte, das weit hinaus über seinen verbrauchten Körper anderen Nachkommen Rast und Glück bieten sollte. Das Kind des Ghettos, das in Kiew ein paar Gymnasialjahre absolviert hatte, war er hinausgezogen, um in Jerusalem Straßen zu bauen, Sümpfe trockenzulegen, an Bauten zu helfen. Jugend, fast nur Jugend, hatte ihn umgeben. Unter ihr vergaß er, was ihm und den Seinen widerfahren war. Die Mutter hatte es freilich nicht mehr miterlebt, die schlief damals schon längst den ewigen Schlaf. Aber der alte Vater und seine kleine Schwester Taube! Tagelang hatten sie sich im Keller verborgen gehalten, um dann endlich, als die Ruhe wiederhergestellt war, zu sehen, daß man ihr Heim bis auf das letzte Stückchen Habe ausgeplündert hatte. Verwundete und Tote hatte es gegeben. Da war er fortgezogen. Seltsam — daß die Bilder plötzlich wieder so lebendig wurden, und daß er im Schlaf und im Wachen die Furcht um Vater und Taube nicht verlor. Nervenzerrüttung, meinte der Arzt. Man brachte ihn nach Tel-Aviv und von dort sandte man ihn nach Deutschland in die große Nervenheilanstalt. Luftveränderung, entsprechende Lebensweise. Sein Plan war indes ein ganz anderer. Er hatte Geld gespart, gute englische Pfunde, und die