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Menorah · 1927-01-01 · Heft 1 (Januar 1927) · p. Seite 70

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 1 (Januar 1927)
Article
Kunstaffären
Date
1927-01-01
Page
Seite 70 (sequence 6)
Language
German
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70 MENORAH alle Anfänge einer echten neujüdischen Kunst, die in den Tagen Herzte unsere jungen Herzen stürmisch bewegt hatten, sind versiegt oder versumpft. Jetzt ist die Architektur an der Reihe. Eine Zeitlang hat man glauben können, daß für sie im Lande der neuen Niederlassung schon aus ökonomischen Gründen die Einsicht der leitenden Körperschaften sich einstellen werde. Aber die Hoffnung war vergeblich. Die Organe der politischen Bewegung verharrten in ihrer Apathie. Ohne Sachkenntnis, ohne Lust sie zu erwerben und sich mit fachkundigen Beratern zu umgeben, lassen sie auch hier den Dingen ihren Lauf. Und darin liegt die Wurzel alles Übels. Denn bevor nicht in den maßgebenden Kreisen das Gefühl der Verantwortung für jeden, auch nur den beiläufigsten Akt der Kunst auflebt, ist ihr nicht zu helfen. Merkwürdig und des Nachdenkens wert, daß der soeben geschilderte Zustand der jüdischen Kunst sich, zum Verwechseln ähnlich, in allen heute herrschenden Parteilagern wiederholt. Nationale und Liberale, sonst einander spinnefeind, stehen hier zusammen, bei der Reaktion. Während in Palästina die Schicksale der Bibliothek und Universität heranreiften, hat sich in Wien das Folgende begeben. Eine Neuanlage des Friedhofes war notwendig geworden. Ein öffentlicher Wettbewerb wurde veranstaltet. Man könnte also meinen, hier sei es mit rechten Dingen zugegangen. Aber weit gefehlt. Denn die Form der Ausschreibung war mittelalterlich und — sowohl vom moralischen Standpunkt wie auch nach der lange schon geltenden österreichischen Norm — unstatthaft. Sie lief ungefähr darauf hinaus, daß der Träger des ersten Preises nicht auch den Anspruch auf die Verwirklichung seines Projektes erwerbe und daß die Kommission auch mit den gekrönten oder angekauften Entwürfen nach ihrem Belieben verfahren dürfe, das heißt also da und dort etwas naschen, um daraus von ihrem Bauamt ein bekömmliches Ragout mengen zu lassen. Überdies saßen in der Jury wohl die nach dem bekannten Schlüssel ermittelten Vertreter der politischen Parteien, aber auch nicht e i n Architekt von Bedeutung. Wir haben damals mit allen zulässigen Mitteln versucht, noch in letzter Stunde die offenkundigen Schäden dieser Ausschreibung zu beseitigen. Vergebens. Die Folgen sind nicht ausgeblieben: die führenden jüdischen Kräfte unserer Baukunst haben sich von dem Wettbewerb ferngehalten — darunter auch die beiden ersten Preisträger in dem gleichzeitigen Wettbewerb um einen neuen Tempel in Hietzing und jener Meister, der bald nachher in dem Konkurs um das Bad Schallerbach — gewiß eine Aufgabe größten Stils — die Palme davongetragen hat.

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