Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1927)
- Article
- Der Zauber der Volkskunst
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 62 (sequence 5)
- Language
- German
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62 MENORAH auch die Ranken, die er in Pfote und Rachen hält, unterworfen sind. Er ist im Gegensatz zu dem reichen ziselierten Beiwerk, das wir auf dem silbernen Schild sehen, ganz knapp, wie ein Sgraffito gezeichnet: ein Zugeständnis für die Forderungen des Materials und ein Beweis für die Mannigfaltigkeit der Mittel, derer sich die Volkskunst zu bedienen weiß. Wenn wir nun.das Werkeines modernen Künstlers betrachten (Abb.4) es ist das eine bronzene Chanukahlampe von dem in Paris lebenden Marek Schwarz — so sehen wir, wie sehr sich sein Verfahren von dem des Volkskünstlers unterscheidet. Es ist absichtlich hier zum Vergleich eine Komposition gewählt worden, die von den Vorbildern der Volkskunst stark beeinflußt ist, man könnte beinahe sagen, es ist eine Nachahmung. Aber bei genauer Untersuchung wird der Betrachter den Unterschied schon erkennen. Der Aufbau ist hier im Vergleich zu der Komposition des vorhin besprochenen Thoraschildes viel straffer, die konstruktive Idee kommt unverhohlen zum Ausdruck, die tragende Funktion der Löwen ist deutlich, die beiden Tafeln sind genau voneinander abgegrenzt. Der Künstler hat in ungewohnter Weise die Hände, die wir in der jüdischen Volkskunst nur in segnendem Geslus gebreitet kennen, in die Komposition mit übernommen, und zwar als Träger der Tafeln. Durch diese Verdopplung der Stützen — Hände und Löwen erfüllen denselben Dienst — erscheinen die den Tafeln zustrebenden Linien vielfach vermehr! und somit entschiedener betont. Der Blick des Betrachters gleitet durch diese Kanäle in einer Richtung, zu den Tafeln, auf denen er haften bleiben muß, wenn sie durch ihre Ausmaße sonst nur unbedeutend erscheinen würden. Die Absicht des Künstlers ist scharf akzentuiert, er weiß, was er will. Und doch fehlt ihm etwas, dem zielbewußten Großstädter, das gewisse Etwas, das uns beim Volkskünstler so entzückt. Wrie kahl wirkt zum Beispiel der obere Abschluß der Chanukahlampe. Sollte es gerade die spielerische Absichtslosigkeil sein, dieses Nichternslnehmenwollen konstruktiver Notwendigkeiten, das den unvergleichlichen Reiz der Volkskunst ausmacht? Der städtische Künstler schafft Neues, auch wenn er aus Allem schöpft, und dieses Neue ist oft unfertig, unreif, der Volkskünstler wiederholt unzähligemale Altes, ohne das Bedürfnis zu fühlen, es von Grund aus umzugestalten. Er ist nicht schöpferisch, aber eine kindliche Erfindungsgabe ist ihm eigen, die er im Kleinen, im Detail betätigt. Seine Schöpfungen wirken nie unreif, sie sind weise, wie die Äußerungen Alter und Kinder. So ist Volkskunst.