Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1927)
- Article
- Ist die russische Judenheit zum Untergang verurteilt?
- Date
- 1927-01-01
- Page
- 47 (sequence 1)
- Language
- German
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Ist die russische Judenheit zum Untergang verurteilt? (Aus dem Englischen des Maurice Ci. Hindes übertragen von 11. AI—s.) Irgendwo in Zentralrußkmd gibt es eine kleine Stadt mit ungefähr 15.000 Seelen, zur Hälfte Juden und Nichtjuden. Als ich ein Knabe war, besuchte ich dort die Schule. Es war vor last zwanzig Jahren. Eine der lebhaftesten Erinnerungen, die ich von dort behallcn habe, ist: die Aufregung, welche die Heirat eines jüdischen Mädchens mit dem Sohne des lokalen russischen Priesters unter den Juden verursachte. Der Vater des Mädchens, ein angesehener Geschäftsmann des Städtchens, starb bald darauf vor Kummer; die Mutter (loh nach Amerika, die Verwandten verbargen sich vor Scham und Schmerz und es gab kaum einen Juden in der Gemeinde, der den Vorfall nicht als persönliches Mißgeschick betrachtet hätte, sogar die Kleinsten des Städtchens teilten das Gefühl verletzter Stammesehre und suchten in ihrer Weise diese Schmach zu rächen; wo immer sie die Abtrünnige allein über die Gasse gehen sahen, liefen sie ihr nach, schimpften hinler ihr her und bewarfen sie mit Straßenkol. Jüngst halte ich Gelegenheit, die alte Stadt wiederzusehen. In den wenigen Wochen, die ich dort verbrachte, wurden zwei Mischehen geschlossen, ein jüdischer Jüngling und ein jüdisches Mädchen heirateten Nichtjuden. Doch niemand war aufgebracht, niemand trauerte, nicht einmal die Eltern der Vermählten. Der Umstand, daß Juden, die Nichtjuden heiraten, nicht zum Chrislentume übertreten müssen, hat zweifellos viel zur geänderten Haltung beigetragen, viel, doch nicht alles. In den großen Städten Rußlands, in Moskau. Petrograd. Kiew, ist die Mischehe1 zwischen Juden und Nichtjuden bereits ein gewohntes Vorkommnis, besonders in revolutionären Kreisen. Aber diese Städte liegen außerhalb der allen jüdischen Peripherie. Da war die Mischehe1 auch in der alten Zeit keine seltene Erscheinung. Aber daß sie in die Gebiete des allen Ansiedlungsrayons, speziell in die Kleinstadt und ins Dorf eindringen konnte, in uralte Stätten jüdischer Orthodoxie und jüdischer Exklusivität, ist ein soziales Phänomen, das beachtet werden muß. Dem gelegentlichen Beobachter mag es scheinen, daß die Ausbreitung der Mischehe ein vorübergehendes Ereignis sei, ein Akzidens der Revolution das, mit der Rückkehr geordneter Lebensbedingungen verschwinden würde. Doch bei genauer Untersuchung drängt sich eine andere Folgerung auf: daß ein Auflösungsprozeß langsam und emsig sich den Weg in die jüdische Gemeinde bahnt. Wird Rußland das