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Menorah · 1927-01-01 · Heft 1 (Januar 1927) · p. Seite 39

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 1 (Januar 1927)
Article
Der Keller
Date
1927-01-01
Page
Seite 39 (sequence 2)
Language
German
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DER KELLER 39 diesem Viehwagen neben Hamsterern und Soldaten auch drei Flüchtlinge, drei zerzauste Menschenseelen, die außerhalb Rußlands Rast und Ruhe suchten — dort, wo die Eisenbahnzüge noch geregelte Abfahrtszeiten hatten und wo, wie man sagt, gelehrte Forscher für eine Laus noch zahlen .. . Drei Menschen, die einander früher nie gekannt hatten: Oberleutnant Sinjeljuk hatte nie etwas von einem Rechtsanwalt Weresow gehört, und David Bauch ahnte nicht, daß der neben ihm liegende blonde, hagere, breitschulterige und bebrillte Mensch in ausgefranstem Sakko mit ihm gemeinsam durch die Waldungen zum Dnjester schleichen werde. Der Oberleutnant hatte zu Fuß ganz Rußland, der Länge und Breite nach, durchquert: von Ufa bis Zarizyn, und von Zarizyns Mauern, als über der russischen Trikolore die rote Fahne wehte, zurück, zurück ins wogende Gedränge, an stehengelassenen Transporten vorbei, in den Ozean der unzähligen wandernden Monturen, über Landstraßen, durch Wälder und Steppen, zurück, bis zu den deutschen Kolonien Neurußlands — und Oberleutnant Sinjeljuk wurde todmüde von den Aufregungen seiner falschen Pässe, von der endlosen Reihe fremder Familiennamen — von Iwanow bis Tschawdschawadse — und den endlosen Registrierungen. Der Rechtsanwatt hatte sich anderthalb Jahre lang bei jedem Klopfen an seine Wohnungstür auf die andere Seite gedreht, hatte unter einem Dielenbrett seine Ringe, die goldene Uhr und Briefe Miljukows, die noch aus der Zeit seiner Präsidentschaft im Komitee der Kadettenpartei stammten, versteckt. Nun aber zog es ihn nach Paris — vielleicht gar zu Miljukow, oder auch nur fort von den ewigen Hausdurchsuchungen. David Bauch aber hatte weder einen Briefwechsel mit Miljukow geführt, noch hatte er Zarizyn genommen oder aufgegeben, nur hatte er die ganze Zeit die dreifache Last seines dreifachen Kreuzes mit sich getragen: er war ein Jude. Auf seiner Nase schwoll eine katastrophale Warze mit einer Borste, die bis auf die Lippe hinunterwuchi und wie ein Schweif aussah, und er mußte zu all dem noch diesen ekligen Familiennamen führen — für das erste schlug man ihn, fürs zweite verspottete man ihn, und wegen des dritten war das Leben überhaupt schon nicht mehr wert, gelebt zu werden. Vom Frühjahr bis in den Herbst hinein hatte sich Bauch zwischen den verschiedensten Städten Rußlands hin- und hergeworfen. Als die Sonne begonnen hatte, am Horizont höher zu steigen, hatte sich Bauch

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