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Menorah · 1927-01-01 · Heft 1 (Januar 1927) · p. 38

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 1 (Januar 1927)
Article
Der Keller
Date
1927-01-01
Page
38 (sequence 1)
Language
German
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DER KELLER Von Andrej Sobol Andrej Sobol, jüdischen Geblüts, eine der Hoffnungen jungrussischer Literatur, hat vor einigen Monaten aus Uneinigkeit mit dem Sowjetregime, mit dessen Methoden er sich nicht befreunden konnte, Selbstmord begangen. Die Red. In Eisenbahnen und Gefängnissen, auf Bahnhöfen und hinter moosbedeckten Baumstrünken in der Tiefe der Wälder, in der endlosen Kette der Wartenden an den Verproviantierungsstellen, auf Märkten, auf der ganzen weiten russischen Erde, in allen verwüsteten und nie vorhanden gewesenen Städten, unter der Herrschaft der Grünen, Weißen und Roten, in der Hitze, im Schmutz, in weißfegendem Sturmgetöse und in triefendem Tauwetter hat der menschliche Körper zur Genüge gelernt, sich zusammenzuziehen und zusammenzupressen: und so lagen die Leute jetzt im Viehwagen, wie gehacktes Kleinholz geschlichtet. Sie lagen da, in drei knappen Reihen: wie die Buben im Kartenspiel, den eigenen Kopf zwischen fremden Beinen, mit den eigenen Beinen den Kopf irgend eines Fremden umklammernd. Zuerst warfen sie sich hin und her, karambolierten mit ihren Rücken, preßten einander an die Wände, schließlich aber wurden sie still: der Abend nahte und Finsternis umschlang sie. Die einzige Kerze, die wahrscheinlich bei irgend einer „Herrschaft" gestohlen worden war, konnte diese Preßluft nicht ertragen und erstickte, Zündhölzer verlöschten, ein Mädchen weinte, leise, leise — sie hatte Angst, auch nur ein Wörtchen zu sprechen. Irgend jemandes Hand tappte zu ihr hin, eine niederträchtige, unsichtbare Hand — Hunderte, Hunderte von Händen, von unten, von den Seiten — und in der ersten Nacht hinter Odessa erwürgten sie in der Finsternis das Kindlein eines Soldatenweibes, das auch im Waggon war — mit einem kleinen Koffer, noch aus der guten, alten Zeit, mit grünen Blechplatten beschlagen. Und am nächsten Morgen (der menschliche Körper versteht es, sich im Notfall zusammenzuziehen) preßten sie sich noch mehr aneinander, rückte einer noch enger an den anderen heran, um aus diesem Chaos das tote Kind und seine Mutter, eine Bäuerin aus dem Gouvernement Tschernigow, herauszufischen. Die Mutter war ohne Kopftuch und schien zu leben. Man reichte sie aus der Ecke von Hand zu Hand, bis zur Waggontür: zuerst die kleine Leiche, nach ihr die Mutter, nach der Mutter den Koffer. Nachdem sie der Zug hinausgeworfen hatte, sauste er weiter. In diesem Zug war unter anderen der Viehwagen Nr. 233521, und in

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