Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1927)
- Article
- Der Kampf um das Profanjudentum
- Date
- 1927-01-01
- Page
- 17 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2912821-2912866-2912868-2918850--04213-2918945- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der Kampf um das Profanjudentum ie Geschichte der Juden im 19. Jahrhundert der üblichen Zeit- J_ß rechnung ist gekennzeichnet durch den revolutionärsten Prozeß. den es in der Entwicklung einer soziologischen Gruppe gibt: die Umformung der jüdischen Kulturgrundlagen. Das, was man gemeinhin „jüdischen Nationalismus'' nennt, ist weit mehr als die bloßen machtpolitischen Tendenzen, wie wir sie in der Entwicklung aller Nationen im vergangenen Jahrhundert, dem „Jahrhundert des Nationalismus** kennen. Der schematische Verlauf dieser Entwicklung bei den Balkannationen, bei den Tschechen und den anderen Völkern, die im letzten Jahrhundert zu Nationen wurden, geht von der Setzung der politischen oder staatlichen Ziele zur Festigung des eigen-kulturellen Standes (wozu sich noch gewisse, sozusagen autarkische Kultur- und Wirtschaftstendenzen gesellen, die in krisenhafter Verzerrung bis heute nachwirken) und von da zu dem revolutionären Akt der machtpolitisch gestützten Eigenexistenz. Die Bewegung, welche das Judentum im 19. Jahrhundert erfaßte, verläuft nahezu umgekehrt; an ihrem Anfang steht die Umwälzung, und zwar in kultureller Hinsicht und zu ihr, mit ihr zusammen tritt die nationalpolitische Tendenz in Erscheinung. Denn der Prozeß, den das Judentum im 19. Jahrhundert durchzumachen begann und der bis heute noch in vollem Gange ist, ist der der Prof anisierung der jüdischen Kultur. Durch Jahrhunderte hatte die traditionell-religiöse Kultur den geistigen Bestand des Judentums gebildet, dessen Profangeschichte im Bewußtsein des Volkes mit der Zerstörung des Tempels abgeschlossen (oder bis zu einem utopisch-fernen, daher immer nahen Zeitpunkt unterbrochen) schien; diese Einstellung, die man als gewollte historische Ausschaltung bezeichnen könnte, war neben bestimmten wirtschaftlichen und sozialen Gründen mit ein Grund zur Erhaltung des Judentums. Im 19. Jahrhundert aber setzte jene Entwicklung ein, welche der abgeschalteten Geschichte den Kontakt suchte, der die kontinuierliche Leitung wiederherstellt, welcher darin mündete, den jüdischen Kulturinhalt zu verbreitern, seine Fundamente durch die geschichtliche Verbindung mit der Umwelt zu festigen. Daraus entwickelten sich dann die Tendenzen des nationalen Eigenlebens. Und es muß gleich hier vermerkt werden, daß diese bis heute fortdauernde kulturelle Revolution, die in ihrer Art einzig dasteht, mit den politisch-nationalen Entwicklungstendenzen innig verbunden ist und daß heute in diese kul- Von Dr. Siegfried Schmitz