Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1927)
- Article
- Aktenstücke zur Geschichte der Judenpogrome in Rußland im Jahre 1881
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 7)
- Language
- German
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AKTENSTÜCKE ZUR GESCHICHTE DER POGROME 13 Es blieben im Ganzen nur 20 jüdische Häuser unberührt; auf diesen letzteren hatten nämlich die Einwohner ein Kreuz oder die Aufschrift „Russka" angebracht. Während der ganzen Zeit folgte das Militär der Menge, war aber nicht stark genug, um Einhalt zu thun, so daß es mehr die Rolle eines Zeugen spielte, Endlich kam Verstärkung an. Der Commandant derselben befahl dem Volke auseinanderzugehen, und als das nicht beachtet wurde, erfolgte nach dem dritten Trommelschlage eine Salve. Sechs Personen wurden getödtet und viele verwundet. Das war aber öl ins Feuer gegossen, denn jetzt richtete sich das Volk auch gegen die Soldaten. Der Archimandrit des benachbarten Mönchsklosters erschien und ermahnte das Volk, allein vergeblich. Um 6 Uhr Abends langte der Gouverneur an und gleich nach ihm zwei Escadronen Husaren. Diesen gelang es endlich die Unruhen zu unterdrücken. Eine große Anzahl von Arretirungen fand statt. Die Juden beschuldigen als Urheber des Unglücks die Socialisten. Vor kurzer Zeit hätten sich mehrere unbekannte junge Leute in ungewöhnlicher Tracht in Njeshin gezeigt. Diese Thatsache ist aber durch nichts erwiesen. II. In Borispol, Gouvernement Poltawa, fanden am 12./24. Juli Judenverfolgungen statt. Das in der Stadt anwesende Militär fühlte sich zu schwach, um die Zerstörungswuth der Bevölkerung zu gebieten. Erst gegen Abend, als die ganz betrunkene Menge die Plünderung fortsetzen wollte und bei dieser Gelegenheit die Polizeiorgane und das Militär, welche endlich einschritten, mit Steinen und Knütteln bewarf, gab der Isprawnik den Befehl von den Waffen Gebrauch zu machen. Eine Salve genügte, um den Haufen zu zerstreuen; 5 Todte und mehrere Verwundete blieben am Platze. Das Elend der jüdischen Bevölkerung spottet jeder Beschreibung. 1) Über die Audienz einer jüdischen Deputation beim Zaren Alexander III. Siehe „Die Judenpogrome in Rußland", herausgegeben von A. Linden (Leo Motzkin), Berlin 1910, Bd. I, S, 28. 2) Professor an der Moskauer Universität begründete mit Professor Leontjew die panslawistische Bewegung. Beide gaben die Zeitung „Moskowskaja Wjedomosti" heraus. 3) Unter dem Eindrucke der Protestbewegung in England gegen die Judenpogrome in Rußland sah sich die englische Regierung (das Kabinett Gladstones) veranlaßt, zugunsten der Juden in Rußland einzuschreiten. MARC CHAGALL / NACH DEM POGROM