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Menorah · 1926-12-01 · Heft 12 (Dezember 1926) · p. Seite 713

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
4 (1926)
Issue
Heft 12 (Dezember 1926)
Article
Ein Freitagabend mit Josef Schwarz
Date
1926-12-01
Page
Seite 713 (sequence 2)
Language
German
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EIN FREITAGABEND MIT JOSEF SCHWARZ 713 Dich, o Herr, erbarme Dich!" Weint nicht der Sänger? Tränenvoll ergießen sich Töne und Worte. „Versorge uns, mache uns frei, o Herr, daß wir der Menschengahe nicht bedürfen, sondern empfangen aus Deiner vollen Hand, auf daß wir nicht beschämt werden." Warum ergreifen diese Worte, diese Töne das Tiefste unserer Seele? Hier schwingt geheimes Leid mit, tiefer Schmerz sucht Erlösung in der Hingabe. Jahre später trafen wir uns in der Schweiz, Schwarz lebte im feinsten Hotel auf dem Rigi, an seiner Seite ein Freund als Sekrelär und Vermögensverwalter. Groß war sein künstlerischer Aufstieg und doch lag zwischen Stirn und Auge eine Sorgenfalte. Er halte in der Kriegszeit Krankenurlaub erhalten, eine häufige Umschreibung für Erholung und Erfrischung an der reichen Tafel schweizerischer Hotels. Wir ahnten nicht, wie ernst die ärztliche Urkunde begründet war. Seine Gesangskunsl war nun außergewöhnlich entwickelt. Wir lauschten seinen Gaben voll Freude und Genugtuung, aber so quellend seine Stimme in den Gesängen italienischer Opern auch auftönle, sie erreichte nicht die geheiligle Innigkeit im Lobgesang, in Dank an den Herrn, ,,seines Volkes Erlöser, Führer und Erzieher". Der Klang von einst, die Zeremonie aus der Wiener Vorstadtstube tönt in mir auf: „Der Du uns Glück und Segen, Heil und Trost, Nahrung und Pflege, Leben und Frieden und Erbarmen und alles Gute gewährst." Dieser mit halblauter Stimme rezitierte Satz, von seltenem Wohllaut gesättigt, hatte sich mir so unvergeßlich eingeprägt, daß bei der bloßen Nennung des Namens Josef Schwarz jene schöne Stunde wieder lebendige Gegenwart wurde. Und wenn ich es ihm sagte, da lächelte er, wie in schmerzlichem Erinnern. Josef Schwarz meisterte seine Stimme wie wenige Sänger der tieferen Stimmlage: ein Bariton von stimmlichem Wohllaut und großer Resonanz, geschult wie die der Italiener früherer Epochen. Ich hörte ihn in großen Konzerten fast ekstatisch bejubelt, OPERNSÄNGER JOSEF SCHWARZ geb. 1881 in Riga, gest. 1926 in Berlin in der Oper.,Rigoletto" reich belohnt, aber immer wieder, wie es schien, unbefriedigt. Niemals strömte die Stimme jene Glückseligkeit aus, wie im reinen mezza voce des betenden Sängers, dessen Gottessehnsucht in abgetönter Glut gegen Himmel gestiegen wrar. Die letzten Worte des Gebetes klingen mir in der Seele nach, da sein Hingang verkündet wird. „Der Du den Frieden schaffest in den Himmelshöhen, der schaffe Frieden unter uns und Frieden in und über Israel." Josef Schwarz war reich, berühmt, er fand ein hingebendes Weib, aber Friede auf Erden wurde ihm nicht. Körperliches Wehe zehrte heimlich an seinem Leben, so daß er fast vom Tage seines Aufstieges den Niedergang seines Körpers befürchten mußte. In Leid und Freud war er seinen Stammesgenossen ein treuer Bruder geblieben, seine reife Kunst stand ihnen jederzeit zur Verfügung. Möge ihm der ewige Friede werden und seine Seele sich harmonisch in den Rhythmus der Ewigkeit einfügen.

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