Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1926)
- Article
- Bilder aus dem jüdischen Vereinsleben in alter und neuerer Zeit
- Date
- 1926-12-01
- Page
- Seite 686 (sequence 8)
- Language
- German
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686 MENORAH Heines Wort zu gebrauchen, nicht wie der Kapitän, der der letzte sein muß, wenn man das sinkende Schiff verläßt. Vor den Lockungen eines preußischen Lehrauftrages kapitulierte seine jüdische Glaubenstreue. Auch Heine gehörte zu den Männern des Kulturvereines. Das Elternhaus hatte ihm nur wenig jüdische Eindrücke geboten. Seine Kenntnisse des Hebräischen waren ganz geringfügig. Hier im Umgang mit jüdischen Gelehrten und durch Vorträge über Israels Geschichte und Literatur ging ihm die Größe des jüdischen Volkes auf. Doch war die Begeisterung für die unvergleichlichen Leistungen und Leiden seiner Ahnen nicht stark genug, ihn gegen die Verführung zur Taufe zu festigen. Er läßt aber keinen Zweifel, daß nur die Not ihn zu dieser äußerlichen Anbequemung an die herrschende Kirche trieb. Wäre es erlaubt gewesen, silberne Löffel zu stehlen, er hätte sich, nach eigenem Zugeständnis, nicht taufen lassen. Je älter er wurde, um so sehnsüchtiger und schwärmerischer ward seine Liebe zum Judentum. Er blickte darauf zurück wie auf ein verlorenes Glück, wie auf einen seligen Jugendtraum. Zu den Gründern des Kulturvereines gehörte auch ein Mann, der der Sache des Judentums bis an sein Ende unverbrüchliche Treue hielt: Leopold Zunz, der nach dem Worte der Kaiserin Augusta von der großen Grille seines Lebens nicht lassen wollte. Er ist der Vater der modernen jüdischen Wissenschaft und in seiner Zeitschrift, in seinen „Gottesdienstlichen Vorträgen der Juden", in seinen „Beiträgen zur Geschichte und Literatur der Juden*6 der Bahnbrecher für die Nachstrebenden geworden. Freilich ist er kein konstruktiver Kopf, kein „baumeisterlicher Mann" im goethischen Sinn. Seine Werke lassen jede künstlerische Begabung vermissen, wie sie dem wahren Historiker eigen sein muß. Uber die großen jüdischen Vereinsgründungen, die bis in unsere Tage lebenskräftig und segensreich fortwirken, könnten wir hier nur summarisch sprechen. Sie alle arbeiten an ihrer Stelle zum Segen der Judenheit, die einen für das materielle Wohl, die anderen für die religiös-sittlichen Ideale, andere wieder für politische Ziele. Den geistigen Gütern dienen die jüdischen Literaturvereine, die seit etwa 30 Jahren in steigender Blüte begriffen sind. Sie bilden in manchen Gemeinden einen dankenswerten Ersatz für das entschwundene Beth-hamidrasch und wissen das Interesse für jüdische Fragen zu wecken und die gefährliche Gleichgültigkeit zu bekämpfen. Im gleichen Sinne arbeiten vielerorts Logen und Jugendvereine im Dienste jüdischer Wissens- und Gewissenspflege.