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Menorah · 1926-11-01 · Heft 11 (November 1926) · p. Seite 662

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
4 (1926)
Issue
Heft 11 (November 1926)
Article
[Ohne Titel]
Date
1926-11-01
Page
Seite 662 (sequence 2)
Language
German
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662 MENORAH Unsere neue Preis er Zahlung : EIN TRAURIGES SCHICKSAL Abseits von einem Dorf stand einsam eine große Fabrik. Als in einer Sommernacht der Nachtwächter seine erste Runde machte, fand er im Hof einen schlafenden Knaben. Der Junge trug eine eigentümliche Tracht und war, wie seine Gesichtszüge verrieten, offenbar Jude ... — Mit derben Händen rüttelte ihn der Wächter aus dem Schlummer: „Marsch, Pollake, hebe dich fort!" Der Knabe im Kaftan schlug die Augen auf. Sie erzählten von weitem Wandern, vom Tod der Eltern und flehten um Mitleid. Aber das kannte der Mann nicht. In die Falten des weiten Rockes gehüllt, schleppte sich der junge Salomon in die dunkle Nacht hinaus . . . „Ich sagte dir schon lange, wende dich an den reichen Fabriksbesitzer; er wird dir Geld leihen können; seit du dem Trünke verfallen bist, geht es abwärts mit uns." Nachdem ihm seine Frau diese Strafrede gehalten, verließ der Nachtwächter mit einem lauten Fluch das Haus. Er wandte sich der Fabrik zu. Aber wie erschrak er, als er deren Leiter sah — in diese Augen hatte er schon einmal geblickt. Hatte sich der junge Pole also so in den paar Jahren emporgearbeitet! In Salomos Augen spiegelte sich der heiße Kampf, der in seinem Innern wieder lohte. Dann zog er seinen gefüllten Geldbeutel, legte ihn auf den Tisch und verließ den Raum. — Lange noch stand der Nachtwächter wie versteinert, allein im Zimmer. — Er soll danach ein mitleidiger und arbeitsamer Mensch geworden sein. Ella Ruth Bamberger. Bad Kissingen. DIE HEIMAT DES ARMEN WAISEN¬ KNABEN. Der Abend senkte sich mit dichten Nebelwolken hernieder. Es war eisig kalt. Ein kleiner Knabe, er mochte ungefähr elf Jahre alt sein, kam die Dorfstraße herauf. Er suchte eine Unterkunft für die Nacht. Vater und Mutter halte er früh verloren, und so hatte er sich aufgemacht, um die Barmherzigkeit seiner Mitmenschen anzuflehen. Seine Eltern waren bei einer Judenverfolgung ums Leben gekommen. — Er ging gerade auf ein Bauernhaus zu. Die alle Bäuerin bemerkte ihn sofort. Sie rief ihn hinein in die Stube. „Vater, ein Bcltelbub ist draußen." „Ein Bettler! So gib ihm was!" „Er nimmt aber nichts, Vater. Dableiben möchte er bis morgen und sich ausrasten", berichtete die Bäuerin. „So! Er nimmt nichts? Na, das ist mir ein sauberer Bursche!" brummte der Bauer, nachgerade entrüstet über eine solche Zumutung. „Mach' daß du fortkommst." Der Knabe schlich fort, verstohlen eine Träne mit dem Ärmel seines schäbigen Kittels abwischend. Als er wieder auf die Straße kam, halte sich ein Menschenhaufe angesammelt. Die Leute beschimpften den armen Verlassenen. Einer der Rohlinge warf ihm einen Stein nach. — Übermüdet und hungrig flüchtete sich die Waise in eine Fabrik unweit des Dorfes. Jetzt hatte er Ruhe vor seinen Peinigern. Er ließ sich auf einen Holzhaufen unter der Treppe, wo er vom Wind einigermaßen geschützt war vom Kummer gebeugt nieder. Nachdem er ein Gebet um Hilfe zu Golt gesandt halte, überließ er sich den Armen des wohltuenden Schlafes. — Um Mitternacht, als alles in tiefem Schlummer lag, wurde der Kleine vom Nachtwächter bemerkt. Dieser schüttelte den Kopf und überlegte, wie der Knabe wohl hieher gekommen sei. Ihm fiel auch der eigentümliche Anzug auf, der aus einem weiten Kaftan. großen Stiefeln und einer abgetragenen Mütze, unter der die Stirnlöckchen heraussahen, bestand. Der Knabe sah wie ein kleiner Bocher aus. Er nahm den Jungen mit nach Hause, und nahm ihn, da er selbst keine Kinder hatte, an Kindes Statt. So war dem Heimallosen eine neue Heimat bei harmherzigen Juden beschieden. Liesel Sender, I't Jahret Saarbrücken. Weitere Einsendungen folgen in der n ä chsten Nu mm er Herausgeber Dr. Norbert Jloffrnann, Eigentümer und Verleger II a b r i t Ii - V c r 1 a g s g o s e 11 s cb :\ f t m. b. 11., sämtlich Wien, I., Zelinkagasse Verantwortlicher Redakteur Friedrich Matzn er, Wien, TV.. Rainergas?e ^5. Druck der Waldheim-Eberle A. G. (verantwortl.: Karl Wieland), Wien, YIL, Seidengasse 5 11.

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