Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 11 (November 1926)
- Article
- Eine jüdische Hochzeit in Marokko
- Date
- 1926-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Eine jüdische Hochzeit in Marokko Von Eugene Delacroix Hiezu Tafel T — Abbildung des gleichnamigen Gemäldes von Delacroix. Die Hochzeitszeremonien bei den orientalischen Juden und den Muselmanen sind ganz anders als bei den europäischen Völkern. Nichts Kälteres bei uns, nichts, das der Außenwelt die Wichtigkeit dieser feierlichen Handlung sagen würde: die Verlobung, die Vorlesung des Ehepaktes, die Feierlichkeit vor dem Standesbeamten, all das hat nicht mehr sichtbare Wichtigkeit als die erste beste Vereinbarung; selbst die eheliche Einsegnung unterscheidet sich in nichts Wesentlichem von jeder anderen religiösen Zeremonie. Im Gegensatz dazu sind bei den orientalischen Völkern und besonders bei den Juden, deren harte Lebensumstände dazu führen, daß sich die Familienbande enger knüpfen und die allen Überlieferungen stärker erhalten werden, die großen Lebensereignisse auch äußerlich durch althergebrachte Bräuche stark betont. Die Hochzeit vor allem ist von sinnbildlichen Zeremonien begleitet und eine Gelegenheit zu großen Festen für Eltern und Freunde der Vermählten. Die Verlobung schon findet lange vorher statt und geht unter Aufbietung eines großen Apparates vor sich, die Hochzeit aber dauert mehrere Tage und ist für die Gattin eine Folge von sehr ermüdenden Arbeilen. Sie, die Frau, ist in Wahrheit das Opfer dieses ganzen Apparates mit all seinen kleinen Begleiterscheinungen. Während das Elternhaus dem ununterbrochenen Kommen und Gehen von Festteilnehmern geöffnet ist, inmitten der Gesänge und Tänze, die Tag und Nacht andauern, ist die junge Frau in einen dunklen Raum verbannt, dessen Breite ein Bett zur Gänze ausfüllt. Im Winkel dieses Lagers, gegen die Mauer gelehnt, sitzt die junge Gattin. Sie muß die Augen dauernd geschlossen hallen und den sich um sie abspielenden Vorgängen gegenüber fühllos scheinen, derart, daß sie aussieht, als wäre sie die einzige, für die es keine Feste gibt. Während sie so, gewissermaßen nistend und verborgen, auf dem Bell sitzt, ergötzen sich an dem langen Tisch, der den Rest des Zimmers einnimmt, die Freunde an Speise und Trank. Im Hofe des Hauses drängt sich eine ungeheure Menge zusammen; Säulengänge. Zimmer und Treppenhaus sind den Eingeladenen, also fast der ganzen Stadt, ausgeliefert. Bei einer dieser Hochzeiten, zu der ich hinging wie jedermann, fand ich Straße und Hofinneres derart überfüllt, daß ich alle Mühe halte, hineinzugelangen. Die Musiker lehnten mit dem Rücken an einer Mauer, der ganze Hof war von Zuschauern besetzt. Auf der einen Seite kauerten in entsprechender Kleidung jüdische Frauen, an denen mir vor allem ein SlofTstück auffiel, das quer über dem sehr hohen und anmutigen Turban lag, und das sie nur aus Anlaß der Hochzeit ablegen. Ihnen gegenüber standen oder saßen vornehme Mauren, von denen man annahm, daß ihre Anwesenheit der Hochzeit zur Ehre gereichen würde. Von dem Heidenlärm, den die Musiker mit ihren Stimmen und ihren Instrumenten machten, kann man sich nur schwer eine Vorstellung machen: unbarmherzig kratzten sie eine Art zweisaitiger Geige, die diesem Lande eigentümlich ist und eher Lärm als Klang verursacht. Sie hatten auch die von Gestalt sehr zierliche maurische Gitarre, deren Töne denen der Mandoline ähneln. Denken Sie sich noch eine, alle Gesänge begleitende Trommel dazu. Und die Gesänge selbst, deren Verdienst darin zu bestehen scheint, daß sie geschrien werden, sind der wahrhaft betäubende Teil des Konzerles. Ihre Eintönigkeit trägt auch dazu bei, sie ermüdend zu machen. Bei dieser Begleitung treten nun nacheinander Tänzerinnen auf; ich sage Tänzerinnen, weil nur Weiber sich dieser Sache widmen, die den Männern durch ihre Schwierigkeit unmöglich zu sein scheint. Wer je in Algier