Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 11 (November 1926)
- Article
- Eine Insel der Toleranz
- Date
- 1926-11-01
- Page
- Seite 631 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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EINE INSEL DER TOLERANZ 631 wenn alles glatt seinen Weg ging. Hören wir eine derartige Verfügung, die auf Grund einer solchen Klage von König Karl I. am 23. September 1277 herausgegeben wurde: „Er habe eine Klage der Juden der Stadt Neapel, seiner Getreuen, empfangen, daß häufig die Vollziehungsbeamten der Provinzialbehörden die Hebräer ungerecht und ungebührlich beschweren und belästigen, indem sie von ihnen eine gewisse Geldmenge zu deren Strafe und zu ihrem Schaden erpressen. Darum haben die Juden den König inständigst angefleht, daß er sich aus seinem königlichen Wohlwollen heraus mit der Sache befasse, und so weist er die genannten Behörden an, sie sollten nicht dulden, daß die Juden von den Vollziehungsbeamten ungebührlich belästigt und nicht zu irgend welcher Zahlung an diese Beamten ohne besonderen königlichen Auftrag und ohne besondere königliche Erlaubnis gezwungen würden." Ob die Verfügung des Königs durchgreifend gewirkt hat, wissen wir nicht, aber bei der straffen Organisation seines Staates ist dies durchaus anzunehmen. Wieder an einer anderen Stelle hören wir, aus einer solchen königlichen Verfügung, daß es vorkam, daß die Beamten ihre Dienstreisen benützten, um von den Juden Sondersteuern zu erpressen. Ja, sie schleppten sogar Betten, Tücher und ähnliches hinweg. Der König nimmt daran energisch Anstoß, ordnet strenge Untersuchung an, und wenn es sich herausstellen sollte, daß die Klage auf wirklichen Tatsachen beruht, dann sollte in aller Strenge gegen die Übeltäter vorgegangen werden. Wir könnten derartige Verfügungen noch in großer Zahl anführen. Aus ihnen allen spricht der Wille der leitenden Stelle, keinerlei Judenverfolgungen aufkommen zu lassen. Aber auf der anderen Seite ist er selbstverständlich streng gerecht, wenn es sich darum handelt, die Juden dazu anzuhalten, dem Staate das zu leisten, wozu sie verpflichtet sind. Die steuerlichen Anforderungen stiegen damals gewaltig. Da aber die Juden zu den Steuern nicht persönlich, sondern als Gemeinde veranlagt wurden, so drückten die Steuern dort besonders schwer, wo die Gemeinden durch Umsiedlung sich verkleinerten. Und wenn auch der König bei der bedrängten Lage des Staates darauf wirken mußte, daß die Steuern einkamen, versuchte er doch, Härten zu mildern. Überblickt man das Gesagte, so mischt sich in die Freude über die Tatsache, daß es den Juden damals dort gut ging und sie seelisch wohl kaum etwas zu leiden hatten, das Bedauern darüber, welche Rückschritte in 650 Jahren die Welt in der Einstellung zu den Juden gemacht hat.