Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 11 (November 1926)
- Article
- Eine Insel der Toleranz
- Date
- 1926-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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EINE INSEL DER TOLERANZ (Zur Erinnerung an den Regierungsantritt Karls I. von Sizilien vor 650 Jahren 1266) berschaut man die mittelalterliche Geschichte, so findet man nicht A^J viel Länder, in denen die Juden sich wirklicher Duldung erfreuten. Vielleicht kann kein Land so stolz auf eine jahrhundertealte Tradition der Toleranz sein, wie Sizilien. Hier und in Unteritalien wohnten seit vielen Jahrhunderten Juden, Christen und Muselmänner friedlich nebeneinander. Geistig spielte das Judentum als Vermittler der arabischen Kultur an die abendländische eine hervorragende Rolle. Zahlreich sind die Juden, die als Übersetzer an den Höfen der Fürsten tätig waren. Frei und ungehindert durften sie sich im Lande bewegen, und man dachte nicht daran, jene unwürdigen Beschlüsse des Lateran- Konziles über die Abzeichen der jüdischen Kleidung zur Geltung zu bringen. Wohl entfalteten die Bettelorden eine rege Tätigkeit, um die Stellung der Juden zu erschüttern, aber König Karl I., der erste Fürst aus dem Geschlechte Anjous, das den Hohenstaufen in der Herrschaft gefolgt war*) — er verdankte seine Stellung ausschließlich der Kirche und konnte deshalb gegen die Orden nicht vorgehen — suchte trotzdem, wo er es konnte, die Juden zu schützen. Die größten Feinde der Juden sind oftmals aus ihren eigenen Reihen ihnen selbst erwachsen. So fand sich auch damals ein Verräter, von dem wir nur den lateinischen Namen kennen, Manufortis aus Trani, der Gebetbuch und Talmud beim König denunzierte. Wohl oder übel mußte sich Karl dazu entschließen, eine Verordnung herausgehen zu lassen, durch die es dem Mönchsorden und der Geistlichkeit gestattet wurde, Haus suchungen nach diesen Büchern vorzunehmen. Aber er ordnete zugleich auch an, daß ihm die beschlagnahmten Bücher durch zuverlässige Boten zugesandt wurden. Am königlichen Hofe mag aber den heiligen Büchern nichts weiter passiert sein, denn hier wird der König durch die bei ihm ständig tätigen Übersetzer arabischer Bücher aufgeklärt worden sein, wie haltlos jene Beschuldigungen waren. Bei der Eigenartigkeit der uns zur Verfügung stehenden Quellen — das Material ist bei weitem noch nicht ausgenützt und nur ein geringer Teil ist veröffentlicht — hören wir immer nur, wenn die Juden sich über irgend etwas beschweren; denn die Verwaltungsakten der Könige hatten natürlich keine Veranlassung, irgend etwas zu notieren, *) Vergleiche hierzu die Bücher Ton Dr. Willy Cohn:?Das Zeitalter der Normannen in Sizilien", Bonn 1920 und „Das Zeitalter der Hohenstaufen in Sizilien", Breslau 1925. Von Willy Cohn