Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 11 (November 1926)
- Article
- Saloniki, das Zentrum der Sephardim
- Date
- 1926-11-01
- Page
- Seite 628 (sequence 6)
- Language
- German
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628 MENORAH diges in ihrer Haltung, etwas von der altspanischen Grandezza, gemischt mit historischem Selbstbewußtsein. Ihre Kraft liegt nicht im Schaffen neuer Werke, sondern im Bewahren alter. Ihre Begabung ist offenbar eine Art aktiver Konservativismus; sie sind lebende Träger einer alten, teilweise verschwundenen Kulturwelt. In dieser letzterwähnten Eigenschaft haben sie auch viel von der altspanischen Kultur bewahrt. Die Sephardim sprechen Altspanisch, richtiger Kastilianisch, untermischt mit hebräischen, türkischen und slawischen Sprachelementen (sogen, ladino). Charakteristischerweise bezeichnen sie diese Sprache als altjüdisch. Ladino spricht und schreibt man (mit hebräischen Schriftzeichen) zu Hause, in der Schule, beim Gottesdienst; es wird im Geschäftsleben angewendet, in der Literatur und in einer weitverzweigten Presse (allein in Saloniki erscheinen ein Dutzend spaniolischer Zeitungen, unter ihnen fünf Tagesblätter). Mit der Sprache haben sie viele altspanische Kulturgüter bewahrt, wunderbare kastilianische Aussprüche (welche Hajim Bedjarano, der Oberrabbiner der Türkei, im Auftrage der spanischen Akademie der Wissenschaften sammelte), alte Romanzen und Volkslieder, die ursprünglich in der berühmten Cid-Sammlung vereinigt waren, Liebesweisen und Kinderlieder; ein Teil von bezaubernder Naivität, ein anderer gesättigt mit tiefer Lebensweisheit. Viele dieser Lieder, in Spanien längst vergessen, sind bei den Sephardim im Orient bewahrt: Beispielsweise eine kastilianische Weise, die bei Kinderspielen im Gebrauch ist (aufgezeichnet in der bulgarischen Donaustadt Rustschuk). Die Kinder stellen sich auf im Gänsemarsch und singen mit geschlossenen Augen: Venid, Venid, Cavallero, (Es kam, es kam ein Ritter, Assuvid al trionastero, Stieg hinauf zu den Schönen. Escuje cuala quereis, Wählet, welche Ihr wollt, A la bella non mi tomeis, Die Schönste nehmt mir nicht.) Als die spanische Akademie vor etlichen Jahrzehnten eine vollständige Sammlung aitspanischer Romanzen vorbereitete, da sandte sie den bekannten Komponisten und Verfasser de Lara zu den orientalischen Sephardim, den Nachkommen der aus Spanien Vertriebenen, um die von ihnen bewahrten Romanzen aufzuzeichnen. Eine eigentümliche Ironie der Geschichte! Die Sephardim, die gewisse besondere Nuancen jüdischer Kultur repräsentieren, leben in den Balkanländern, der alten Türkei, in Nordafrika, Palästina und Südamerika. Ihre Anzahl beträgt ungefähr eine