Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Inhalt
- Article
- Aus dem ehemaligen Kurhessen
- Date
- 1926-10-01
- Page
- Seite 585 (sequence 3)
- Language
- German
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AUS DEM EHEMALIGEN KURHESSEN 585 Bei dieser Kündigung müssen die Frauen weinen. (So in Cassel.) Vor der Beerdigung findet im Hause des Toten das Mechilopraien der nächsten Angehörigen statt. Für diese Zeremonie konnte ich keine feste Formel in Erfahrung bringen. Doch hat der nächste Angehörige dem Toten einen Socken an den Fuß zu ziehen und dabei etwa folgendes zu sagen: Sei mir mochel, wenn ich Dir was Böses getan han. Die anderen Verwandten sprechen in ähnlicher Weise eine Bitte um Mechilo aus. Aus einem Orte Reichensachsen i. H., auch Meimbressen, wird mir die Sitte mitgeteilt, daß die Kaddisch8)-Verpflichte len im ersten Gottesdienst nach dem Ableben sofort in Schul Kaddisch sagen müssen. Nach diesem Kaddisch erfolgt aber vor der Kewuroh9) kein weiterer. Der Sarg bleibt in der Regel offen, bis man auf den Friedhof kommt. Dort wird der Tote von den Chewroleuten zurechtgelegt, die Scherben des Topfes, der zu Häupten mit Wasser gefüllt gestanden hatte, werden in den Sarg gelegt; ferner wird ein Säckchen Erde, wohl nicht mehr allenthalben Erez Jisroel- Erde, hineingelegt, und zum Schluß ein abgeschlossenes Vorhängeschloß in den Sarg getan; der Schlüssel dieses Schlosses wird ohne besondere Zeremonie weggeworfen. Von Christen wird behauptet, die Juden sagten beim WegwTerfen des Schlüssels: Grüß mir Vater Abraham. In neuester Zeit wird auf Anordnung des Lehrers der Sarg schon im Hause geschlossen, da die fortgeworfenen Schlüssel die Dorfjugend zum Hinüberklettern auf den Friedhof reizten, und der Schlüssel in einem Beutelchen mitgegeben. Der Sinn des Schlüsselwegwerfens, wenn ich ihn richtig auf fasse als ein altheidnisches Symbol des Nichtwiederkehrens der Verstorbenen, wird freilich durch diese Anordnung verwischt. Sie paßt aber zu der heute in der Gemeinde herrschenden, wohl mehr rationalistischen Erklärung: Abschluß zwischen Himmel und Erde. Wegen der großen Entfernung des Friedhofes vom Orte wird die Leichenrede oft vor der Stadt an einem Kreuzwege gehalten, und dann gehen die schwächeren Leute heim. Im Trauerjahr trägt der Owel10) an den Jomim nauroim11) nicht die weiße Mütze zum Sargenes, sondern ein schwarzes Samtkäppchen. Für die Kenner des polnischen Minhag mag erwähnt werden, daß die Trauernden auch am Abend zum Kaddisch das Taliß anlegen. SYNAGOGENGEBRÄUCHE. Ist bei Boruch scheomar kein Minjan, so wird die Schemone essre gleich laut gesagt. Ist bei Borchu kein Minjan, so wird bei später vollständigem Minjan hinter Mi choinaucho Kaddisch und Borchu vom Chasan gesagt und dann gleich mit Schiro chadoscho fortgefahren. Mincho am Schabbos schließt mit Kaddisch jossaum nach dem Perek, beziehungsweise Borchi nafschi. Es wird aber kein Olenu gesagt. Am Simchas tauro werden nach Jigdal folgende Psalmen abwechselnd Posuk für Posuk gesagt: 90, 42, 43. Psalm 111 und 112 werden nach einer besonderen Melodie gesungen. Dann folgt ebenfalls nach dieser Melodie Jeidun jaggidun. Da der Text dieses Liedes den Gemeindemitgliedern nicht zugänglich ist — von den in Deutschland üblichen Gebetbüchern steht sie nicht einmal bei Baer in Awodath Jisroel — so hat sich in früheren Zeiten die junge Generation leicht allerhand Kurzweil während des Gesanges erlaubt, und nur in den Refrain stimmte die Gemeinde ein. Die Melodie zu Psalm 111 und 112 wird am anderen Tag bei Aufrufen des Clioson tauro und des Clioson Bereschis für den echod jochid benutzt. Die Hakofaus finden nach deutschem Ritus nur am Morgen statt. In Meimbressen werden alle Gemeindemitglieder am Morgen aufgerufen, und zwar zu zweien; früher hatte jeder zu schnödem, und zwar Lebensmittel, wie eine Flasche